"Jahresaltar" im Chor der Predigerkirche Rottweil

Der Rückaltar des barocken Hauptaltars in der Rottweiler Predigerkirche lässt Raum für gegenwärtige künstlerische Gestaltungen. Für das Jahr 2013 /2014 hat Angelika Weingardt, Bühlerzell / Stuttgart, den Jahresaltar gestaltet: "Was sucht Ihr?"

 

Bereits zum vierten Mal gestaltet eine zeitgenössische Künstlerin diesen Altar hier im Psallierchor. Nach dem Bildhauer Prof. Franz Gutmann aus Freiburg, der Holzschneiderin Martina Geist und dem Maler und Performancekünstler Uwe Schäfer, beide aus Stuttgart, kommt nun mit Angelika Weingardt eine Glaskünstlerin. Glas ist ihr vorrangiger Werkstoff, Ihr Medium und ihre Profession. Sie unterrichtet in der Glaswerkstatt der Stuttgarter Kunstakademie und hat in den vergangenen Jahren durch eindrückliche Neuverglasungen von sich Reden gemacht. Herausragend ist sicherlich die 2008 realisierte Gestaltung von sechs Chorfenstern in der Regiswindiskirche in Laufen am Neckar.

 

Diese Kirche, deren Geschichte bis ins Jahr 1227 zurückreicht, ist noch einmal gut vier Jahrzehnte älter als unser hiesiger Chorraum, für den ja bekanntermaßen Albertus Magnus im Jahr 1268 den Grundstein legte. Hier im Psallierchor jedoch sind wir am ehesten in der Lage, einen Eindruck von der gotischen Erscheinung unserer Kirche zu gewinnen. Hier erleben wir das Licht dieses sieben/zwölftel Chorschlusses. Hier streben nach wie vor Fenster in gotischen Leibungen nach oben. Der gotische Chorraum, der gewiss auch farbige Fenster hatte, mutierte im Rahmen eines spätbarocken Gesamtkunstwerks zum zweigeteilten Raum, der hinter dem Hochaltar das kleine Oratorium für die Dominikaner vorsah. Im Barock hatte die Glaskunst einen schweren Stand. Die Fenster der Sakralräume waren insofern interessant, als sie möglichst viel Licht in die Räume führen sollten, selber aber gar nicht unbedingt sichtbar sein sollten oder mussten. So lebt auch bei uns in der Predigerkirche der Raumeindruck, der sich dem Betrachter vom Haupteingang aus eröffnet, ganz ohne Kirchenfenster. Die Seitenkapellen führen das Licht herein und im Chorraum beherrscht der Decke und Boden verbindende Hochaltar den Raum. Doch hier hinter dem Hochaltar, hier wirken die Fenster nach wie vor. Und so ist es kaum verwunderlich, dass eine Glaskünstlerin, wie Frau Weingardt, mit ihrer Jahresaltararbeit die Wirkung und das Lichtspiel dieser Fenster bewusst einkalkuliert. Die Spiegelung der Fenster im Altar gehört zum Konzept. Man kann in der Tat sich im Blick auf den Altar ganz auf die Fenster einlassen. Altarblatt und Fenster interagieren in unserer Wahrnehmung.

 

 

Aber die Interaktion findet auch mit unserem Spiegelbild oder mit anderen sich im Altar spiegelnden Figuren statt, je nach eigenem Standort. Wir betrachten einen Altar und sehen unter Umständen uns selber. Diese Umkehrung unserer Erwartung ist eine faszinierende Intention dieses Jahresaltars. Denn für gewöhnlich begegnet uns in einem Altarbild doch die Illustration einer Geschichte. Der Altar veranschaulicht eine Botschaft oder verherrlicht eine Figur des Glaubens. Es geht gemeinhin um Glaubensbilder und Glaubensvorbilder. Doch die Predigt dieses Altars in unserer Predigerkirche setzt nicht bei einer Geschichte oder einer Figur des Glaubens an, sondern bei uns selber. Der Betrachter selber wird zum Gegenstand der Betrachtung, zum Inhalt der Botschaft. Formal erreicht Frau Weingardt dies mit den schwarzspiegelnden Kunststoffplatten. Das Schwarz der Spiegel entfaltet zudem eine ungeheuerliche horizontale Raumtiefe, die die vertikale Orientierung der barocken Ausstattung relativiert. Wo normalerweise der Barock unsere Blicke über kurz oder lang von uns weg hinauf in den Himmel lenkt - sind doch die Deckenfresken von der allerwichtigsten Bedeutung – da bleiben wir bei der Betrachtung des Jahresaltars auf unserer Augenhöhe und ahnen, welche Tiefe und Ruhe dieser horizontale Spiegel für uns bereit hält. Es ist wie jener Moment der späten Dämmerung, in dem alle grellen Farben des Tageslichts zur Ruhe kommen und man selber – dieser Veränderung nachsinnend – das Vergangene reflektiert.  In Martin Bubers Übertragung des 102. Psalm findet sich dieser Gedanke so: „Meine Tage sind, wie wenn der Schatten sich neigt!“ Das ist der große Kontrapunkt zur barocken Lichtführung, die unsere Sinne stets über uns hinausführen will. Der Jahresaltar von Angelika Weingardt führt uns zu uns selber.

 

 

Die Arbeit von Angelika Weingardt  hier im Psallierchor verbleibt nun aber nicht allein bei einer optischen Infragestellung unsrerselbst, sondern richtet explizit eine Frage an uns: „Was sucht ihr?“ Ja, was suchen wir, wenn wir auf einen Altar blicken, was suchen wir, wenn wir einen Sakralraum betreten, was, wenn wir uns auf einen solchen Ort des Glaubens einlassen. Die Frage richtet sich ursprünglich an die am Ostermorgen zum Grab Jesu gelaufenen Frauen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Lk 24,5) Unser Altar lässt uns mit dieser Frage mitfühlen und mitdenken. Was sucht ihr? Die Frage löst Erschrecken aus. Geht es heutigen Gottsuchern und Kirchenbesuchern eventuell auch so, dass nicht erbauliche Heilsanschauung sie erwartet, sondern Erschrecken angesichts des auf sich Geworfensein. Zurückgeworfen auf die eigenen Erwartungen, die eigenen Bilder, die eigenen Wünsche?

 

 

Liebe Frau Weingardt, ich finde es großartig, wie Sie auf diesen Raum eingegangen sind und mir diesen Raum, trotz einiger Vorkenntnis, wieder neu und tiefer erschlossen haben, wie Sie mich in diesem Raum nicht nur zur Verkündigung des Glaubens, sondern zu mir selber führen, und das alles mit den Mitteln einer selbständigen künstlerischen Intervention.

 

 

Text (gekürzt) und Foto: Marcus Keinath