Schloss Achberg nördlich von Lindau

KRAFTQUELLEN im Schloss Achberg

Hinter einer spätmittelalterlichen Kreuzigungsgruppe läuft an der Wand per Video-Projektion eine Sonnenfinsternis ab. Die Corona um den Mondschatten herum flammt mal mehr, mal weniger auf. Manchmal erhellt sie dabei das dornengekrönte Haupt des Gekreuzigten. Dann versinkt es wieder im Finstern. Christoph Brech kombiniert seinen Loop „Eternal Eclipse“, 2015, mit Figuren des Meisters des Schongauer Altärchens. Der Gekreuzigte gilt als auferweckt vom Tode, aber das Leiden in der Welt setzt sich fort. Wie finster wäre die Welt, wenn es nicht am Horizont den Sonnenstrahl der Auferstehungshoffnung gäbe? Jeanette Zippel hat mit ihrem Hängeobjekt „Facetten 2“ einen Bienenwabenbau überdimensional nachgebaut und in die Mitte eines lichten Barockzimmers gestellt. Es duftet nach Bienenwachs. Eine Video-Projektion an der Decke macht das Schwärmen der emsigen Kerbtierchen sichtbar und hörbar. Zippel bringt ihre Arbeit in Zusammenhang mit einem feuervergoldeten Bronzekruzifix aus der Romanik. Sein gleichschenkliges Kreuz versinnbildlicht für sie das Wirken Jesu Christi „in alle Richtungen“. Wie das Miteinander im Bienenvolk ist es geprägt von sozialen Werten. Und wie die Aktivität der Bienen auf einen neuen Wabenbau ausgerichtet ist, so zielt das Wirken Christi darauf ab, den Lebensraum der Erde neu zu erschaffen. Die in eine neue Welt ausschwärmenden Bienen am Zimmerdeckenhimmel dürfen als Auferstehungsmetapher gelesen werden.

Das ist das Konzept der Ausstellung, die Dr. Ilonka Czerny von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart kuratiert hat. 16 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler treten in Beziehung zu einem von ihnen selbst ausgewählten sakralen Kunstwerk aus der Zeit vor 1800. Dabei werden die alten Kraftquellen für unsere Zeit neu erschlossen. Zugleich werden religiöse Dimensionen in künstlerischen Äußerungen der Gegenwart erkennbar. Und der Versuch, Unsagbares sichtbar zu machen, der das künstlerische Schaffen über die Jahrhunderte hinweg verbindet.

Christoph Frick, Stiftungsrat unserer kirchlichen Kunststiftung, hängt an die vier Wände seiner Kammer zwölf großformatige Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen von unsichtbarer Hand halbgeöffnete oder halbgeschlossene Gittertüren vor einer Mauer, an der Pflanzen spalierartig nach oben wachsen. Die Bedeutung dieser Türen lässt sich dabei nicht ganz erschließen. Bunte Retuschefarbe läuft von irgendwoher ins Bild. Oder fließt aus ihm heraus. In der Raummitte steht auf einem Sockel ein „Auferstehungschristus“ aus Lindenholz von 1650. Er steht da mit gesenktem Blick, im Augenblick offenbar noch gar nicht in der Lage, die Freiheit zu erkennen und zu genießen, die ‚die ihm geöffnete Tür‘ ihm schenkt. Der Titel dieser Arbeit, „Sanssouci“, scheint sich nicht allein auf die Wandbilder zu beziehen, sondern Wandbild und Standbild miteinander zu verbinden. Und beides zusammen mit dem Ausstellungsthema „Kraftquellen“.

Alle Kunstwerke aus alter Zeit entstammen der Kunstsammlung der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW). Die Auswahl religiöser Kunstwerke verdankt sich dem Reformationsjubiläum. Da Oberschwaben den reformatorischen Umtrieben im 16. Jahrhundert jedoch weitgehend widerstand, finden sich in der Ausstellung zahlreiche Objekte aus altgläubigem und gegenreformatorischem Geist.

Sr. M. Pietra Löbls ineinander gelegte Schalen aus getrockneten Rosenblättern verstehen sich als „Bild für Maria und jede menschliche Seele“. Bezugspunkt ist eine Muttergottes von 1470/80. Laurenz Theinert projiziert Lichtspiele auf eine etwas grobschlächtig geratene Pieta aus der Zeit um 1500. Sie visualisieren die Gefühle einer Liebesbeziehung und gehen damit weit über den im Bild selbst dargestellten Schmerz hinaus. Klaus Illi wählt eine trauernde Maria und stellt in seiner Rauminstallation eine Beziehung her zu der im Oktober 2016 bei Freiburg ermordeten Studentin Maria Ladenburger. Ein Foto, eine Himmelszeichnung des Opfers, die auch bei der Beisetzung eine Rolle spielte, sowie eine Kniebank und eine bis an die Decke reichende (Himmels-)Leiter machen den Raum - mit Zustimmung der Trauerfamilie - zu einem Gedenkort. Sonja Alhäuser präsentiert „Diverse Rezepte“, Mischtechniken auf Papier, in Anlehnung an die Skulptur „Unterweisung Mariens durch Mutter Anna“ von 1750. Ein lebensgroßer Heiliger Sebastian wird bei Jan Dietrich von einem Smartphone umkreist, das wie an einem Mobile über ihm hängt und ihn pausenlos filmt. Aber wie flach und kraftlos wirkt das zweidimensionale Abbild verglichen mit der ungeheuer präsenten dreidimensionalen Figur im Raum! Im Übrigen spielen - wen wundert’s - Engel eine Rolle. Mal umgeben von Susanna Taras‘ grellbunten Wandteppich-Rosen, Symbole irdischer Liebe für das Symbol der himmlischen, mal als schmerzlich vermisste Schutzengel wie in Karolin Brägs Rauminstallation „Himmel für ein unbekanntes Mädchen“. Daniel Bräg zeigt als Meister von Pfullendorf die „Reliquienbüste des hl. Daniel, um 2017“ inklusiv Glasbehältnis mit Blut im Gegenüber zu der einer weiblichen Heiligen des Meisters von Eriskirch um 1420. Die kirchliche Heiligenverehrung lässt nach, die Religiosität wandert in andere Gefilde ab, Popstars und Idole werden verehrt wie einst diese Heiligen.

Und auch der Zeichner Matthias Beckmann schafft den Sprung in die Gegenwart mit Zeichnungen aus einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin, die verblüffende formale und inhaltliche Bezüge aufweisen zu einem spätmittelalterlichen Holzrelief mit der „Flucht nach Ägypten“. Außerdem sind beteiligt an dieser Ausstellung: Thom Barth, Wilm Weppelmann, Rolf Wicker und Iris Wöhr-Reinheimer.

Alles in allem - Achberg ist einen Ausflug wert. Alte und neue Kunst erweisen sich als Kraftquelle. In verschiedener Hinsicht. Und in ihrem aufeinander bezogen sein umso mehr.

Dauer der Ausstellung „Kraftquellen“ bis 22. Oktober Öffnungszeiten Fr 14-18 Uhr und Sa/So/Feiertage 10-18 Uhr Schloss Achberg 88147 Achberg www.schloss-achberg.de

Text und Fotos: Johannes Koch

Christoph Brech, Eternal Eclipse, 2015, mit Meister der Schongauer-Altärchens aus Söflingen, um 1480/90

Jeanette Zippel, Facetten 2, 2001, und Schwarm, 2003, mit Kruzifix, Oberschwaben, um 1150

Christoph Frick, Sanssouci, 2007/2017, mit Michael Lechleitner / Martin Zürn, auferstehungschristus, um 1650

Laurenz Theinert, Lichtprojektion auf Skulptur, 2017, mit Pieta, Oberschwaben, um 1500

Jan Dietrich, Digitale Perspektiven auf das Figurative, 2017, mit Hl. Sebastian, Bodenseeraum, um 1700

Susanna Taras, Hommage an einen Engel, 2017, mit Johann Joseph Christian, Sitzender Engel, um 1760

Matthias Beckmann, Aus der Serie "Notunterkunft Lobeckstraße", 2016, mit Michael Zeynsler, Flucht nach Ägypten, um 1525/30

 

 

 

 

 

 

 

 

Rosalies Lichtwirbel in Sindelfingen - Zum Gedenken an die im Juni Verstorbene bis Januar 2018 verlängert!

In Sindelfingen stehen mehrere Liegestühle bereit für ein Lichterlebenis an trüben Wochenendtagen. Rosalie konnte im ehemaligen Hochregallager des Schauwerks Sindelfingen ihre bisher mächtigste Lichtskulptur realisieren. 15 Meter hoch und bis zu 8 Meter breit ist das kinetische Objekt, das von der umlaufenden Galerie aus über vier Etagen hinweg in unterschiedlichsten Blickwinkeln wahrgenommen und erlebt werden kann. Aber eben auch ganz entspannt am Boden von einem Liegestuhl aus.

Das Licht fließt, blitzt, strömt und schwebt durch die hängenden, wirbelnden und vielfach zu stilisierten Blüten gesteckten "Lichtschläuche". Computer steuern das Farb- und Lichtspiel in einem Loop von 25 Minuten. Es beginnt mit Weiß, in das sich Steingrau mischt, dann fließen Blautöne ein, Orangetöne verwandeln die Skulptur in einen Feuerball, sie gehen über ins Violette und Türkise, plötzlich verwandelt sich alles in einen Goldregen und schließlich in einen hängenden Garten aus Grün- und Weißtönen.  Die Bodenbedeckung wirkt wie ein schwarzer See, in dem sich die Himmelsblumen spiegeln.

Aus integrierten Lautsprechern strömen Kläge hinzu, in Rhythmus und Lautstärke wohldosiert - eine eigenständige Sound-Komposition von Matthias Ockert: "Cool Tune", 2016. Sie basiert auf Lichtdaten aus der Beobachtung von Transneptunialen Objekten durch das Herschel Teleskop. Ein faszinierendes sinnliches Erlebnis!

13. März 2016 bis Januar 2018
Text und Fotos: Johannes Koch

 

 

(Ich weiß nicht, warum dieses Programm hier die hochformatigen Fotos beim Hochladen dreht. Werde mich in den nächsten Tagen beim Medienhaus erkundigen!)