Ästhetische Kompetenz

 

Der baden-württembergische Bildungsplan erwartet von Religionslehrerinnen und Religionslehrern „ästhetische Kompetenz“. Doch da sich der christliche Glaube stets in konkreten Erscheinungsformen äußert und vermittelt – gesucht ist jeweils eine, die als angemessen gelten darf – bedürfen alle in der Kirche Tätigen zur Erfüllung ihrer Aufgaben einer gewissen ästhetischen Kompetenz. Sie besteht in einer Wahrnehmungs-, Reflexions- und Gestaltungsfähigkeit, die an gelungenen Beispielen geschult ist. Der Verein für Kirche und Kunst setzt sich daher nachdrücklich für verstärkte Bildungsangebote im ästhetischen Bereich ein. Er hat sich zum Ziel gesetzt, solchen Fragen der Gestaltung auch in den Ausbildungsgängen kirchlicher Berufe mehr Gewicht zu verschaffen.

 

 

Studienkurs Kirche und Kunst für Pfarrerinnen und Pfarrer

 

Im landeskirchlichen Fortbildungsprogramm für Pfarrerinnen und Pfarrer wird seit geraumer Zeit jährlich ein „Studienkurs Kirche und Kunst“ angeboten. Die Leitung haben Reinhard Lambert Auer und Johannes Koch. Seit 2003 kooperieren wir mit der Badischen Landeskirche (Pfarrer Martin Abraham), seit 2008 auch mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Ilonka Czerny, Kunstreferentin
an der Akademie in Stuttgart-Hohenheim). Als Referent im Werk-

stattbereich wirkt Robby Höschele von der Arbeitsstelle für musisch-kulturelle Bildung mit. Themen waren u.a.

  • Die Gotik
  • Farbe: Rot
  • Vom Umgang mit unseren Schätzen. Konservatorische und restauratorische Aspekte der Kunst in unseren Kirchen
  • Raum-Platz-Zeichen – Die Außenwirkung von Kirchen-
    gebäuden und ihre Bedeutung für den öffentlichen Raum
  • Projekt "Kreuz" –
    ästhetische Neugier und religiöse Erfahrung
  • Liturgische Farbe Blau
  • BildGewinn. Das Religiöse in der inszenierten Fotografie
  • Braucht Kirche eine 'etwas andere' Kunst?
  • Mehr als Glas. Zeitgenössische Kirchenfenstergestaltung.
  • "Und das soll Kunst sein?" - Zum Kunstbegriff in der Gegenwart.
  • WEISS GOTT - Die 'Farbe' Weiss
  • Kunst- und Kulturtransfer aus Fernost
  • Vanitas und Opulenz - ästhetische Neugier und Lust auf Barockes
  • @ch, wie net! - Kunst und Religion im weltweiten Netz.
  • "Aber Gott und die Welt ist Kunst!" Beuys und seine Religion der Sensibilisierung nach unten und nach oben. 
  • Wenn Kunst das Volk (ver)führen will.
    Protest-Kunst und Kunst-Proteste im Fokus.

 

Informationen unter lambert.auer@elk-wue.de
oder Telefon 0711/2149-239

 

 

In Planung für 2014

entwickeln – nicht abwickeln

Perspektiven für Kirchenräume

 

7. bis 10. Juli 2014 

Tagungshaus Theologisches Studienseminar der VELKD

Pullach bei München 

 

Was tun mit unseren Kirchengebäuden? Wir haben zu viele. Wie lassen sie sich in der Zukunft sinnvoll nutzen und unterhalten? Längst hat diese Debatte auch die Landeskirchen des Südwestens eingeholt.

Kirchen sind besondere Räume und Gebäude. Mit ihnen darf nicht einfach nach den ökonomischen Gesichtspunkten gängiger Immobilienkonzepte verfahren werden. Angemessene und tragfähige Lösungen sind gefragt. 

München ist dafür ein geeigneter und interessanter Tagungsort. Auf Exkursionen in der Stadt befassen wir uns mit zukunftsweisenden Konzepten der erweiterten Nutzung von Kirchengebäuden. Daneben setzten wir uns mit diesem Thema wie gewohnt in einem kreativen Werkstattbereich auseinander. Im Herbst 2014 wird in München der „28. Evangelische Kirchbautag“ stattfinden. Im Vorfeld haben wir die Möglichkeit, Situationen zu erkunden und mit KollegInnen der Bayrischen Landeskirche das Gespräch aufzunehmen. Auch ein Atelierbesuch gehört wieder zum Programm.

 

Fortbildung 2013

 

Wenn Kunst das Volk (ver)führen will.
Protest-Kunst und Kunst-Proteste im Fokus.

Am Anfang stand ein Überblick über 'Kunstprojekte im öffentlichen Raum zwischen Legalität und Illegalität'.
Die politische und ästhetische Wirkungsgeschichte von Revolutionskunst studierten wir am Beispiel von Delacroixs

'Die Freiheit führt das Volk'. Eine Exkursion führte ins Stuttgarter 'Haus der Geschichte', das als aktuelles Beispiel für Protestkunst ein Stück Bauzaun zeigt mit Äußerungen zu Stuttgart 21. Die Kuratoren standen als Gesprächspartner zur Verfügung. Anschließend besuchten wir Klaus Staeck und seine (Plakat-)Edition in Heidelberg. Den Abschluss bildete eine Diskussionsrunde zum Umgang mit kontroverser Kunst im Kontext der Kirchengemeinde. Die Morgenliturgien thematisierten Holzschnitte von Felix Droese mit einem Text aus Psalm 85 ('Die Wahrheit sprießt aus der Erde hervor')  und die bekannte Spray-Banane von Thomas Baumgärtel, die interessante Ausstellungsorte auszeichnet.

 

Foto und Text: Johannes Koch

 

 

 

 

Tagung 2012

 

"Aber Gott und die Welt ist Kunst" -
Beuys und seine Religion der Sensibilisierung
nach unten und nach oben.

 

Die drei Tage in Beuggen begannen jeweils mit einer "Hasen-Liturgie": Hasianna / Hoppel-Ich; Incarnation / Hasen-Blues; Hasomanen an die Macht! Dabei gingen die Teilnehmenden der zu Unrecht vergessenen, breiten christlichen Hasentheologie und -symbolik nach und ließen sich von Beuysschen Performances zu eigenen spirituellen Übungen und Aktionen anregen.

Dem 'historischen Beuys' brachten uns Erzählungen und Interpretationen von Zeitzeuge Prof. em. Dr. Horst Schwebel, Marburg, näher. Er begleitete auch die Exkursion zur Beuysabteilung des Museums für Gegenwartskunst in Basel.

In täglichen Werkstatt-Einheiten versuchten sich die Teilnehmenden unter Anleitung von Robby Höschele selbst als Performer. Dabei stand nicht der künstlerische Ausdruck im Vordergrund, sondern das Experimentieren und die Freude an der eigenen Kreativität.

 

Foto und Text: Johannes Koch

 

 

 

 

 

Tagungen 2011

Vanitas und Opulenz - unter diesem Thema versuchten sich evangelische PfarrerInnen aus Württemberg und Baden dem Barock anzunähern.

Tagungsort war das frühbarocke ehemalige Kloster Obermarchtal, eine Exkursion führte zum Gipfel des späten Barock nach Zwiefalten. Im Barock-Schloss Mochental besichtigten die Teilnehmenden eine Ausstellung von Gegenwartskunst mit Anklängen an den Barock (HAP Grieshaber, Christopher Lehmpfuhl). Der katholische Dekanatskirchenmusiker Andreas Weil führte in die musikalischen Traditionen der Barockmusik ein und spannte den Bogen aus bis hin zu Penderecki und einer eigenen Komposition. Der Bildhauer Andreas Thiel referierte an Hand von Bildern über sein eigenes künstlerisches Verhältnis zum Barock. Im Werkstattbereich bestand die Möglichkeit, sich mittels Fotografien selbst auf einer barocken Bühne zu inszenieren. Als Material dienten bunte, die Natur künstlich nachahmende Süßigkeiten, die mit Zuckerglasur (hygienisch) zu Skulpturen verarbeitet wurden. Eine Reihe experimenteller Mitmach-Morgenandachten bedachte das Vaniats-Motiv des Barock unter Aufnahme von Überlieferungen aus dem Buch Prediger, die barocke Opulenz u.a. anhand der Jesus-Namen und -Prädikationen unserer barocken Choräle sowie den barocken Absolutismus unter der Überschrift "Der Herr und die Herren".

 

Foto und Text: Johannes Koch

 

 

 

 

Fremd ist das Fremde nicht nur in der Fremde -

unter dieser Überschrift beschäftigte sich die ökumenische Fortbildungstagung in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Problemen des Kulturtransfers auf dem internationalen Kunstmarkt. Wie lassen sich Bilder aus z. B. fernöstlichem Kontext würdigen und interpretieren, wo über die in ihnen verarbeiteten künstlerischen und religiösen Traditionen so gut wie nichts bekannt ist?
Ihren Ausgangspunkt nahm die Tagung bei der klassischen chinesischen Malerei und ihren Hintergründen. Ein ehemaliger Galerist, der zeitgenössische Kunst aus China nach Deutschland gebracht hat, referierte. Ebenso Claudia Heinzler von der Stuttgarter Kunstakademie, die in China ein Glaskunstprojekt begleitet hat. Ein Besuch an der Kunstakademie führte in den Malklassen von Holger Bunk und Thomas Bechinger zur Begegnung mit Studierenden aus Fernost. Sie alle lassen die strikt vorgegebenen Methoden und Bildtraditionen ihrer Heimatländer weitgehend hinter sich und können sich auch nicht mehr vorstellen, dorthin zurückzukehren. Experimentelle China-Morgenliturgien integrierten mit den Origami-Faltarbeiten 'Lilie' und 'Taube' ein Stück fernöstliche Volkskunst in die Andacht und bedachten mit Liedern und Gebeten aus China auch die Situation der Christlichen Gemeinden in der Volksrepublik.

 

Text und Fotos: Johannes Koch 

 

 

 

 

Tagungen 2010

 

WEISS GOTT - ästhetische Neugier und religiöse Erfahrung."
Die Tagung im Kloster Hegne am Bodensee befasste sich mit der Theorie und der Rezeption der 'Farbe' Weiß. Eine Exkursion führte nach Schaffhausen / CH, wo im Rahmen einer Sonderöffnung der Hallen für Gegenwartskunst Gelegenheit zur Begegnung mit den "Ikonen" der Weiß-Malerei von Robert Ryman bestand. In den eigenkreativen Werkstatt-Einheiten hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, auf vielfältige Weise Erfahrungen mit der Farbe Weiß zu sammeln. Eine Reihe experimenteller WEISS-Liturgien nahm "die weiße Wolke" als Gottessymbol, "die weiße Weste" als Reinheitssymbol und "das weiße Blatt" als Sinnbild pfarrerlicher Versagensangst in den Blick.

 

 

"Und das soll Kunst sein?" Kriterien der Kunst und des Kunstschaffens. Mit Dr. Herbert Köhler, Ravensburg/München, und Prof. Dr. Otfried Schütz, Frankfurt. 8. - 10. Febr. 2010, Tagungshaus der Katholischen Akademie Weingarten.
In Kooperation mit der Akademie (Dr. Ilonka Czerny).

 

Im Dialog mit den Referenten und mit dem durch eigene zeichnerische Versuche geschulten Blick erarbeiteten sich die Teilnehmenden einen Katalog von Kriterien für künstlersiche Qualität. Dazu gehören u.a. die Qualität des Formalen, die Auseinandersetzung mit ikonographischen Traditionen sowie der Bezug zum Material. Was ist Kunst? Die Frage muss offen bleiben. "Kunst ist das, was als Kunst angesehen wird" (Schütz).

 

Text und Fotos: Johannes Koch

 

 

 

Der Studienkurs 2009

 

widmete sich unter dem Titel „Mehr als Glas" Kirchenfenstern und ihren zeitgenössischen Gestaltungen. Stationen waren Mainz, Köln, Frankfurt und Taunusstein (Firma Derix).

 

Am Tagungsort Mainz gab es die Chagall-Fenster von St. Stefan zu besichtigen sowie neue Schreiter-Fenster im Dom. Für heutige Maßstäbe undenkbar: Chagall hatte einen Entwurf für Chorfenster abgegeben, ohne die Kirche, für die er bestimmt war, je betreten zu haben. Außerdem hatte er lediglich Aquarelle geliefert. Die Umsetzung in Glasmalerei und Fenstergestaltung blieb der Werkstatt überlassen. Letzteres gilt freilich auch für die in St. Andreas / Köln besichtigten expressiven, 'bleiruten-

schweren' neuen Fenster von Markus Lüpertz, deren zweite Realisierungsfolge gerade in Taunusstein produziert wird.
Glas-Spezialisten wie Schreiter dagegen denken von vornherein 'in Glas' und überlassen auch in der Ausführung durch die Werkstatt nichts dem Zufall. Das Ergebnis sind Fenster-
gestaltungen, die nicht nur dem Material Glas, sondern auch dem räumlichen Kontext (Lichtverhältnisse, formale Anbindung, Außenansicht etc.) in höchstem Maße gerecht werden. 

 

In Köln interessierten - neben den Meistermann-Fenstern mit ihren speziellen Abstraktionsbemühungen - in St. Gereon auch die Strukturverglasungen von Buschulte und das Richter-Fenster im Dom, das seine Farbigkeit je nach Lichtverhältnissen stark verändert, immer aber wie ein Versammlungsort aller Farbnuan-
cen wirkt, die in den übrigen Glasfenstern von Chor und Schiff bereits präsent sind. 

 

Der Besuch der Firma Derix ermöglichte Einblicke in den Prozess der Ausführung und bot überdies eine kleine Materialkunde (Echtanikglas, Industrieglas, Überfanggläser, Bleilotmalerei, Keramikfarben etc.). Außerdem stand mit Karl Martin Hartmann ein prominenter Glaskünstler als Gesprächspartner zur Verfü-
gung. Am Beispiel der jüngsten württembergischen Neuver-

glasung, Chor der Regiswindiskirche Lauffen am Neckar, erläuterte Angelika Weingardt als ausführende Künstlerin

den Weg von der Ausschreibung bis zur Realisierung.

 

Eine im Kreis der Teilnehmenden viel diskutierte Frage war die nach Sinn und Möglichkeiten der Gestaltung figürlicher bzw. 'verkündigender' Fenster. Die Teilnehmenden selbst hatten in einem Plan-Spiel die Aufgabe, KünstlerInnen für einen einge-

ladenen Wettbewerb zur Gestaltung eines gotischen Fensters in der Kapelle des Tagungshauses vorzuschlagen oder aber eigene Entwürfe zu präsentieren. Eine Reihe von experimentellen Morgenandachten widmete sich den ältesten figürlichen Glasfenstern in Europa.                                

 

Johannes Koch

Im Jahr 2008

 

ging die Tagung der Frage nach, ob Kirche eine ‚etwas andere’ Kunst braucht?

 

Wenn alle Kunst in der Tiefe religiös ist (Franz Bernhard u.a.), lässt sich Kunst dann beliebig in den Kirchenraum transferieren? Oder gibt es Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit Kunst im Kirchenraum ‚funktioniert’?

 

Die Teilnehmenden schufen zuerst in Einzel- oder Partnerarbeit ihr Modell eines kunstoffenen zeitgemäßen Kirchenraumes. Dann sahen sie sich mit der Digitalkamera im Stuttgarter Kunstmuseum nach Bildern bzw. Skulpturen um, die in diesen Räumen Aussagekraft entfalten könnten.

 

Die Reflexion stützte Horst Schwebels Beobachtung, dass drei Erscheinungsformen von Kunst eine besondere Nähe zur Religion aufweisen: „Mystische“ Kunst, die als ‚via purgativa’ einen Weg stufenweiser Entweltlichung bis ins reine Schauen ohne Worte führt (z.B. Newman, Graubner, Tobey); „prophetische“ Kunst, die die Wirklichkeit in Frage stellt und aufbricht (z.B. Bacon, Hrdlicka, Falken, Knaupp, Duwe, Grützke); „epiphane“ Kunst, die Transzendenz in der Immanenz aufleuchten lässt (z.B. Kounellis, Uecker, Laib, Viola). Diskutiert wurde naturgemäß auch, ob eine solche Kunst-Translozierung vom Kunstmuseum in den Kirchenraum der Kunst Gewalt antut.

 

Exkursionen führten in Kirchenräume der Region, in denen künstlerische Interventionen zu einem Atmosphärenwechsel geführt haben: Ben Willikens in St. Hedwig, Stuttgart-Möhringen; Bernhard Huber in der Martinskirche Oberesslingen und Madeleine Dietz in St. Antonius, Stuttgart-Kaltental.

Zu Künstlergesprächen kamen Georg Winter und Joachim Sauter, der die Kapelle in der Akademie gestaltet hat, ins Haus.

 

Johannes Koch