"Ein blauer Balken durch das Glockengeschoss geschoben"

Nikolaus Koliusis Entwurf sieht für den Turm der Markuskirche ein Lichtobjekt vor, das wie ein blauer Balken durch das Glockengeschoss geschoben erscheinen wird: Zum einen Irritation, die jedoch – durchaus aus einem theologischen Verständnis in den Dimensionen des Kreuzes – auf die notwendigen Ausrichtungen für die Kirche verweist; damit zum anderen auch Zeichensetzung, die weit in den Stadtraum ausstrahlt und von vielen Stellen der Stadt als Blickpunkt wirken wird. Gleichzeitig schließt die konzentrierte formale Gestaltung eine Wirkung des nur spektakulär Plakativen aus.

 

Der Künstler: „Mit meinem Beitrag lenke ich den Blick in die Höhe, mache auf die Höhe des Gebauten, mache auf den Turm aufmerksam, ebenso lenke ich den Blick in die Ferne, auf jene bereits bestehenden Sichtbeziehungen aus der Stadt. Ich zeichne aus. Dieser Beitrag findet im öffentlichen Raum statt, ich markiere, unterstützt mit Licht, vollziehe eine Bewegung, lege eine Spur, welche in diesen öffentlichen Raum hinausragt, zugleich markiere ich, wie das blau des Tages, des Alltages, in den Turmraum, in den Kirchenraum hinein, ja sogar hindurchragt. Es gibt keine Alternative zum Dialog. Es kommt etwas in Bewegung - die Waagerechte trifft auf die Senkrechte, das Bisherige auf das Neue. Das Gesehene auf das noch nicht Gesehene. Kulturelle Anstrengungen stehen für Aufmerksamkeit, sie erfordern und fördern zugleich - Wachsamkeit.“

Rede von Prof. Dr. Werner Sobek anlässlich der Einweihung der Installation von Nikolaus Koliusis

"Ich bin - Kein Kunsthistoriker - Kein Architekturtheoretiker - Kein Kritiker, kein Vernissagenredner - aber Freund des Künstlers. Und: ich bin Architekt und Ingenieur, im wesentlichen also - Gestalter. Gestalter der gebauten Umwelt, die sich von der Kunst doch so sehr darin unterscheidet, dass sie das große Privileg der Zweckfreiheit nicht besitzt. Die sich zudem vielmehr gleich drei klassischen Bewertungskategorien, der von Vitruv formulierten Utilitas, der Firmitas und der Venustas (Nützlichkeit, Robustheit, Schönheit) zu unterwerfen hat und die heutzutage auch noch der vierten und der fünften Kategorie, nämlich der aus Rentabilitätsgesichtspunkten heraus geborenen ökonomischen Betrachtung und - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und doch erst eine Bewusstwerdung unserer letzten Jahre, - einer ökologischen Qualität zu genügen hat.

 

Die ökologische Qualität unserer gebauten Umwelt: hierzu zählen ganz wesentlich Energieverbrauchsreduzierung und Emissionsreduzierung (Ernst Ullrich von Weizäcker spricht von einer erforderlichen Reduktion des CO2-Ausstosses von 80 % bis 2050), eine Kreislaufwirtschaft aller Baustoffe. Dies alles sind Dinge, die wir heute noch nicht beherrschen, die aber für das Überleben der Generationen nach uns von entscheidender Bedeutung sein werden. Eine Aufgabe unglaublicher Größenordnung und Komplexität also. Aber, immer wieder: Gehört es nicht zur Signatur der Humanitas, dass Menschen vor Probleme gestellt werden, die für Menschen zu schwer sind - ohne dass sie sich vornehmen könnten, diese Probleme ihrer Schwere wegen unangefasst, unerledigt zu lassen? Trotz der unserer Gesellschaft bevorstehenden Titanenaufgaben ist - im Vergleich - die Arbeit eines Architekten oder Ingenieurs nur vordergründig komplexer als das Schaffen eines Künstlers sucht dieser doch etwas, das viel schwerer zu erarbeiten, viel schwerer zu erreichen ist.

 

Dem Künstler geht es darum, die Seele der Dinge zu finden, die Seele der Dinge zu berühren; er nimmt uns in seiner Arbeit - jenseits aller Utilitas und Firmitas - in aller Stille zur Seite nimmt und sagt: Schau. Wenn Niko Koliusis heute den Turm der Markuskirche, die seit vielen Jahren das Bild der Stadt, in der wir leben ist, mitprägt, mit einer temporären Installation, einer temporären Hinzufügung von der Baukunst zur Kunst erhebt, wenn er unsere Blicke von den gewohnten Bahnen ablenkt, indem er durch Hinzufügung einer in der Architektur der Markuskirche nicht vorkommenden Geometrie, jetzt quaderförmig, durch Hinzufügung einer in der Architektur der Markuskirche nicht vorkommenden Farbe, jetzt blau, durch Hinzufügung einer in der Architektur der Markuskirche nicht in großer Fläche vorkommenden Materialität, jetzt beleuchtete großformatige Glassoberflächen, unsere Blicke neu fokussiert, dann weist er damit ja weniger auf seine Installation als vielmehr auf die Markuskirche selbst hin und sagt: Schau

 
Schaue, denke daran, denke darüber nach, erinnere dich. Dieses Schauen, dieses Nachdenken, dieses Erinnern an die großen Werte, an die große Einbettung, welche Grundlage unserer Kultur ist und die in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint. Ich bin sicher, dass das Erinnern an diese Werte uns helfen wird, die vor uns liegenden Aufgaben besser zu bewältigen. Niko Koliusis bildet mit dieser Installation nicht etwas ab, das nicht da, abwesend ist. Er erinnert, bringt etwas erneut zur Erscheinung, was schon da ist, in unserem schnellen und flachen Bild der komplexen Stadt jedoch fast schon in Abwesenheit geriet. Dafür müssen wir ihm danken.