Die Durchführung des Preisverfahrens lag bei der Stiftung Kirche und Kunst. Bei der Vorstellung des Katalogs hielt der Vorsitzende des Stiftungsrats, Prälat i.R. Hans-Dieter Wille, die nachfolgende Rede. Die Katalogpräsentation fand im Rahmen der Jahrestagung des "Vereins für Kirche und Kunst“ am 14. 7. 2014 im Gemeindezentrum Arche in Stuttgart-Stammheim statt. Thema der Jahrestagung:  "Das sichtbarwerdende Unsichtbare - zu Gast im Kunstprojekt Micha Dengler."

 

Meine Damen und Herren!

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunst und der Kirche!

 

Ja - das soll es geben: Freunde und Freundinnen der Kunst und der Kirche, obwohl: sich heutzutage als Freundin oder Freund der Kirche zu bezeichnen, sich gar ausdrücklich dazu zu bekennen gilt in bestimmten Milieus unserer Gesellschaft, übrigens auch in kirchlichen Milieus, nicht gerade als schick, geschweige denn als cool. Umso erfreulicher, dass über 20 Künstlerinnen und  Künstler - ich kann mir vorstellen: darunter durchaus kirchenkritische Künstlerinnen und Künstler - sich in einem Katalog haben versammeln lassen mit der Überschrift: „1. Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“. Sie haben dieser Kirche und allen, die sich dort mit dem Thema „Kirche und Kunst“ beschäftigen,  in der Tat einen besonderen Freundschaftsdienst  geleistet. 

 

Religion ja – Kirche nein: auf diese Formel scheint man sich in der Analyse der religiösen Landschaft hierzulande geeinigt zu haben. Religiöse Bedürfnisse und der in den Kirchen jeden Sonntag vermittelte Glaube scheinen nach dieser Sicht nur noch schwer zueinander zu finden. Inkompatibel nennt man so etwas heutzutage. Ähnlich, nämlich inkompatibel, wurde lange Zeit das Verhältnis von Kirche und Kunst, in diesem Fall von evangelischer Kirche und zeitgenössischer Kunst beschrieben – trotz bemerkenswerter Ausnahmen. Die ehemals über Jahrhunderte unzertrennlichen Zwillinge Kirche und Kunst – was sie auch in der Reformationszeit trotz Bildersturm in bestimmter Hinsicht geblieben sind - sind mit Anfang des 20. Jahrhunderts jene zwei Königskinder geworden, die sich aus vielerlei Gründen auseinandergelebt haben. 

 

Da und dort gelang es während des boomenden Bau sog. „moderner“  Kirchen - Anfang der 60er Jahre v.a. in den  Neubau - Siedlungen am Rande der Städte - Architekten mit künstlerischem Anspruch zu gewinnen. Aber schon bei den auf den Kirchbau folgenden Bau sog. Mehrzweck –Gemeindehäuser in den 70er und 80er Jahren trat – heute noch zu besichtigen - an die Stelle von Kunst, anspruchsvoller zeitgenössischer Kunst , das ästhetisch mehr oder weniger gelungene Kunstgewerbe, eine Art kirchlicher Gebrauchskunst, die ihre ganz eigene, bisweilen auch respektable Ästhetik entwickelte. Angesichts sich abzeichnender Rückgänge der Kirchensteuer standen bei diesen Bauprojekten rein praktische Fragen nach Funktionalität und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.  Kunstobjekte als eigenständiges, möglicherweise auch provokantes Gegenüber wurden dagegen in den Gemeinden eher mit Argwohn betrachtet. 

 

Die Baustile voran gegangener Epochen prägen das  ästhetische Empfinden der meisten Gemeindeglieder und sind weitgehend auch heute noch der Maßstab für die Bewertung moderner Kunst. Darüber - im Habitus eines aufgeklärten Bildungsbürgers - die Nase zu rümpfen, wäre ungerecht, weil Wahrnehmung von Kunst immer auch an bestimmte ästhetische Gewohnheiten, vor allem an bestimmte, entsprechende Sehgewohnheiten vermittelnde Bildungs- und Erziehungsprozesse gebunden ist. Die Einstellung zu „Kirche und Kunst“, zu Kunst in der Kirche und in kirchlichen Räumen ist nicht zuletzt auch eine Frage von Herkunft und Milieu. An dieser über Generationen überlieferten und etablierten ästhetischen Einstellung scheiden sich immer noch die „Geister“. Auch in unserer Kirche. 

 

Ich habe diesen kleinen Vorspann riskiert, um deutlich zu machen, auf welchem  „ästhetischen Hintergrund“  der 1. Kunstpreis der württembergischen. Landeskirche ausgeschrieben wurde, der erste seiner Art in einer evangelischen Landeskirche in Deutschland überhaupt. Auch diesbezüglich war uns das Wagnis, einen solchen Kunstpreis auszuschreiben, durchaus bewusst. Aber dass nun über 1000 Künstler und Künstlerinnen sich mit ihrem Werk einem von einem Landesbischof, also vom Hauptvertreter des kirchlichen Establishments einberufenen kirchlichen Auswahlgremium stellen und aussetzen würden, konnte man nicht unbedingt erwarten, wo doch eben nach allgemeinem Urteil der Religion schon, aber der etablierten Kirche kaum noch Vertrauen entgegen gebracht wird. 

 

Es ist dieses der Landeskirche durch die Bewerbung für den Kunstpreis zum Ausdruck gebrachte Vertrauen, das besonders bemerkenswert ist und uns alle überrascht hat. Auch wenn ganz unterschiedliche Motive die Bewerbung für den Kunstpreis veranlasst haben mögen -  ich sehe diesen Vertrauensbeweis als eine ausgestreckte Hand, die wir von Seiten der Kirche ergreifen sollten. Denn darin liegt die Chance für einen Dialog, der auf jeden Fall unserer Kirche und ich denke  auch den Künstlerinnen und Künstlern helfen wird, ihrer je eigenen Sache, ihrem je eigenen Auftrag noch besser gerecht  zu werden. 

 

Nicht zuletzt geht es um einen Dialog, den wir innerhalb unserer Kirche, in und mit den Gemeinden, noch  intensiver führen müssen. Gemeindegliedern zu vermitteln, dass es bei zeitgenössischer Kunst letztlich nicht um eine elitäre Ästhetik geht, die sich nur einem kleinen Kreis von Kunstsachverständigen erschließt, sondern Fragen und Weltsichten eine Rolle spielen und künstlerisch verarbeitet werden,  die auch einem „normalen“ Gemeindeglied durchaus zugänglich sind und vertraut sein können - diese Aufgabe gehört mit zu den zentralen Aufgaben des Vereins und der Stiftung  „Kirche und Kunst“. Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen von den kirchlichen Angeboten kaum mehr angesprochen fühlen, finden über die Kunst, vor allem über die kirchenmusikalische Kunst, aber auch zunehmend über die „Bild-Kunst“ in Kirchenräumen einen neuen Zugang zu Kirche und ihrer Botschaft. 

 

Dialog heißt: auf den anderen eingehen, ihn so weit wie möglich in seinem Anliegen zu verstehen suchen, ohne die eigene Sache, den eigenen Auftrag, das künstlerische Interesse, das sich mit einem bestimmten Objekt verbindet, aufgeben zu müssen. Dialog heißt, sich dann auch den möglicherweise zuwiderlaufenden Absichten seines Gegenübers, seiner  vielleicht ganz anderen „Sicht der Welt“ auszusetzen. Das gilt sowohl für die einen Künstler beauftragenden christliche Gemeinde wie für die Künstlerin und den Künstler selbst. Auch sie setzten sich aus, wenn sie ihre Kunst in einem Kirchenraum oder im Rahmen eines kirchlichen Kunstpreises präsentieren. 

 

Wer sich die prämierten Bilder, die Collagen, die Videos oder die Performance in dem neuen Katalog zum Kunstpreis unter dieser Dialog-Perspektive anschaut, wird interessante, zum Teil auch sehr provokante Entdeckungen machen. Es sind Entdeckungen, die wir ohne Zögern auch als eine Herausforderung für unseren Glauben verstehen können, nämlich noch deutlicher, gegebenenfalls auch provokativ zu sagen, was unsere kirchliche „Sache“, was unser kirchlicher  Auftrag ist und welche  Antworten der christliche Glaube im Blick auf die existentiellen Fragen und bestimmte Trends unserer Zeit  bereit hält und ins Gespräch bringen will. 

 

Dabei ist es hilfreich, das Anliegen der Kunst und das Anliegen des Glaubens – trotz vieler Gemeinsamkeiten - nicht miteinander zu vermengen, so dass die Unterschiede, das jeweilige Profil nicht mehr sichtbar sind. Weder kirchliche Anbiederung an die zeitgenössische Kunst, indem man den Anspruch der eigenen kirchlichen Tradition verleugnet noch die (sublime) Vereinnahmung moderner Kunst, indem man ihr z.B. von vornherein einen nicht näher bezeichneten Transzendenzbezug unterstellt, sind letztlich nicht dialogdienlich. 

 

Wenn die Konturen der jeweiligen Seite deutlich bleiben, gewinnen Ähnlichkeiten und Analogien an Tiefe und werden unter Umständen zur Brücke zwischen den Positionen. Ein Dialog wird dann spannend und vor allem ergebnisoffen. 

 

Dem Glauben, den die Kirche vertritt und verkündet, geht es um eine letzte Gewissheit, um Antwort auf existentielle Lebensfragen einer Person, auch einer Gesellschaft. 

 

Die Kunst, soweit ich sie verstehe und wahrnehme, die moderne Kunst zumal, stellt Fragen und stellt in Frage, provoziert, verfremdet, entzieht sich vorschneller Antworten und Deutungen, nähert sich einem Thema, ohne es voll erfassen und auf den Begriff bringen zu wollen. Wie das aussehen kann, dafür bietet der Katalog zum Kunstpreis reichlich Anschauungsmaterial, künstlerisch anspruchsvolles Anschauungsmaterial. 

 

Aber auch Glaubensgewissheit ist bei näherer Betrachtung keine Sicherheit, die man wie ein Andachtsbild mit Händen greifen oder die man wie eine Art geistlicher Versicherung zu den Akten legt. Glaubensgewissheit ist unverfügbar, da ich ja – wie wir im Konfirmandenunterricht gelernt haben – „nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann…“. (Luthers Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus). Um dieses Glaubensverständnis geht es im Grunde im jüdischen Bilderverbot. Darum ging es auch im Uracher Bilderstreit. 

 

Glaube ist kein Gegenstand, auch kein Bild, das ich gewissermaßen zum Eigentum meiner Frömmigkeit machen kann. Dabei würde vergessen, dass Glaube Geschenk ist, reines Geschenk, für das ich nur dankbar sein kann. Glauben ist deswegen gewagtes Vertrauen, wie eigentlich jedes Vertrauen immer auch ein Wagnis enthält. Glaube ist Gottvertrauen das immer auch mit Enttäuschungen, mit Glaubenszweifeln kämpfen muss, mit einem Gott, der sich immer wieder entzieht, der einem mitunter sehr fremd werden kann, den man eben auf keinem Fall in der Hand hat. Dieses Glaubensverständnis war und ist selber Gegenstand Bildender Kunst. Unser Glaube ringt gleichwohl um Klarheit und Erkenntnis, er will Gewissheit und nicht ins Beliebige abrutschen, in ein „Mal so – mal so“. Der Glaube ringt deswegen um einen kirchliche Gemeinschaft ermöglichenden magnus consensus, um einen Konsens, der nicht der Kirchenpolitik, sondern der Wahrheit verpflichtet ist. Der Glaube sucht bei allen Unterschieden und Kontroversen letztlich immer auch das gemeinsame Bekenntnis. Sonst wäre der nur Ausdruck eines höchst willkürlichen privaten religiösen Geschmacks. Durch diesen magnus consensus, auf den der Glaube um seiner selbst willen aus ist, aus sein muss, wird erst das möglich, was eine Gemeinschaft zusammenhält: die versöhnte Verschiedenheit. 

 

Auf diesen magnus consensus ist Kunst nicht angewiesen. Moderne  Kunst schon gar nicht. Und doch gehört zum Glauben für Paulus die Einsicht: Unser Erkennen, das theologisch klar und nachvollziehbar sein muss,  bleibt „Stückwerk“ (1. Kor 13, 11). Was wir sehen, was wir sehen können, sehen wir (bestenfalls) wie in einem verzerrten Spiegel in einem dunklen Wort..“ (1. Kor 13, 12). Diese Einsicht bewahrt uns davor, dass der Glaube erstarrt und rechthaberisch wird. Diese biblische Einsicht darf uns freilich nicht daran hindern, genau hin zu sehen – und möglicherweise ganz neue Perspektiven zu wählen und dabei  etwas, vielleicht etwas Entscheidendes zu entdecken, das ich vorher mit meinen eingespielten und erstarrten Denk- und Sehschemata übersehen hatte. 

 

Kunst in der Kirche trägt mit dazu bei, dass sich unser Glaube immer wieder aus solchen Erstarrungen löst und frei wird. Kunst, gute Kunst, aus welcher Epoche auch immer, lehrt uns, hinzusehen, genau hinzusehen – und uns nicht nur  unseren bekannten Sichtweisen und (Vor-)Urteilen zu folgen. Dafür, für diese überraschende, im wahrsten Sinn denkwürdige Sicht der Dinge und meiner Welt, auch der gewohnten Glaubensdinge und Glaubensgegenstände, dafür stehen die im Katalog gezeigten Arbeiten und Projekte, insbesondere der beiden Preisträger. 

 

Dabei dürfen wir nicht vergessen: Das Zentralbild des unsres Glaubens, das Kreuz  bzw. der verletzte und geschundene Gekreuzigte hat in der Christentumsgeschichte  - z.B. gegenüber dem antiken Ideal des schönen göttergleichen jungen Mannes -     eine ganz neue, nachgerade skandalöse Ästhetik hervorgebracht. Diese Ästhetik des Gebrochenen und Verletzlichen wurde in der modernen Kunst – denken wir nur an Beckmann, Dix oder Chagall – auf besondere Weise aufgenommen und künstlerisch verarbeitet. In den Werken dieser und anderer Künstler spiegelt sich so etwas wie eine theologia crucis, eines Kreuzestheologie, die ohne Anschauung, wie sie sie die Evangelisten in ihren Passionsgeschichten wiedergeben, gar nicht denkbar wäre. Diese Ästhetik einer theologia crucis wirkt – wenn ich recht sehe – bis heute fort. Wir können sie auch im Katalog zum Kunstpreis an eindrücklichen Beispielen wahrnehmen und nachempfinden: 

 

Die  Hautstriemen ähnelnde  Fäden in „Der Raum und ich“ von Ruri Matsumoto,  das Foto eines durchgeschnittenen Brotlaibs von Chris Popovic, das als Predella gedacht den Leichnam Christi assoziieren soll; das als Altarwand gestaltete Gestrüpp aus Dornen von Madeleine Dietz oder der Videoloop „Jesus playing Basketball“ von Johannes Karl, der an das Grablegungsbild von Frau Angelico aus dem 15. Jahrhundert erinnert  -  in diesen und in den anderen Beispielen des Katalogs entdecken wir bei den Künstlern und Künstlerinnen eine erstaunliche Bereitschaft, sich zentralen Inhalten des christlichen Glaubens zu nähern und sie dabei überraschend neu zu pointieren. 

 

Dem Katalog ist nur zu wünschen, dass er – auch in den Gemeinden – angeschaut und gelesen wird und zu Sichtweisen einlädt, die die gewohnten, mitunter allzu eingespielten Formeln und Formulierungen unserer Verkündigung und unseres Glaubens auf den verschiedenen kirchlichen Feldern in einem vielleicht ganz neuen Licht erscheinen lassen. 

 

Dabei kann etwas sichtbar werden, was wir in der geistlichen Routine kirchlicher Alltäglichkeit  vielleicht übersehen haben: „das Sichtbare im Unsichtbaren“.