2019

"Blätter" in Reutlinger "gangArt"

Die neue Ausstellungsreihe im langen Gang des Reutlinger Matthäus-Alber-Hauses eröffnet mit einer Folge von 365 kleinformatigen Zeichnungen des Stuttgarter Künstlers Christoph Frick.

Gleichmaß und Differenz ist ein Hauptthema im künstlerischen Schaffen von Christoph Frick. Frick ist Sammler und Sortierer, Beobachter und Gestalter, Aufzeiger und Aufzeichner von Formen, Strukturen und Ordnungen mit hohem ästhetischem Reiz. Das immergleiche Laubblatt zeigt sich bei ihm in einer schier unermesslichen Vielfalt künstlerischer Erscheinungsformen und lädt damit seinerseits zum Wahrnehmen, Beobachten und Vergleichen ein.

Vitrine reiht sich an Vitrine im ersten Obergeschoss des Gemeinde- und Verwaltungsgebäudes Lederstraße 81. Dekan Marcus Keinath, der Initiator der neuen Ausstellungsreihe "gangArt" schreibt: "An der je persönlichen Gangart unter anderem wird es liegen, ob und wie Kunst wirken kann."

Zur Ausstellung erschien ein Leporello mit 32 Reproduktionen.
Ihm sind vorangestellt Zeilen von Matsuo Bashô (1644-1694)

Der Sommer kam doch
So einzig zu den Blättern:
In allen einzeln.

 

www.christophfrick.de

 

 

Verbotenes und Unmögliches - Karin Kneffel in Baden-Baden

Das Museum Frieder Burda zeigt derzeit eine Retrospektive, bei der die Künstlerin selbst die Bildauswahl vornahm und die Hängung. Alle Werkgruppen der 62-Jährigen sind vertreten, die einst als Richter-Schülerin bekannt wurde und längst eigene Wege geht.

Da sind die großformatigen Obstbilder der 90er Jahre, Äpfel, Pfirsiche, Trauben. Das Pfirsichbild, dem die Künstlerin nach zwanzig Jahren jetzt wieder begegnete, misst in der Höhe 7,10 Meter und hat ihren Angaben zufolge selbst mittlerweile Runzeln bekommen. Wieso Obstbilder? Weil es an der Akademie hieß, Obst sei schon allzu oft gemalt worden und darum für die Gegenwartskunst uninteressant. Von wegen! Dasselbe gilt für die 77 noch früheren Tierporträts im Kleinformat von 20 x 20 Zenitmetern, gehängt im Abstand von 20 cm nach allen Seiten und immer in derselben Reihenfolge, welche die Künstlerin mittlerweile auswendig herbeten kann: Huhn, Schaf, Kuh, Ziege. Eine Kindheitsreminiszenz. Die Großeltern hatten einen Bauernhof.

Die bekannten Interieurs sind da mit Teppichen und Sesseln im Gelsenkirchener Barock und Hund auf spiegelndem Parkett. Viele, sagt die Künstlerin, muss sie eigens darauf aufmerksam machen, dass das Spiegelbild eines wachsamen Dalmatiners dem des gespiegelten und noch dösenden bereits um Sekunden voraus ist. Die Malerei macht Unmögliches möglich. Auch auf dem 7,10 Meter breiten Feuerbild, das die Bewegung der züngelnden Flammen darzustellen und festzuhalten versucht. Wie den Glaskasten-Einbau malen im Duisburger Lehmbruckmuseum mit seinen Skulpturen? Hier half ein Einfall, ein Problem der Malerei zu lösen. Der Einfall, einen Fensterputzer die Glaswände einseifen zu lassen.

Wassertropfen auf Glas gehören zum malerischen Repertoir von Karin Kneffel. Erarbeitet hat sie es sich in Erinnerung an ein anderes Kindheitserlebnis mit einem Klohäuschen hinter dem nämlichen Bauernhof und der dortigen oft von Tropfen und Schlieren überzogenen Scheibe. In ihrem Oeuvre verfremden solche tropfenüberzogenen Scheiben berühmte Räume wie den Mies van der Rohe - Saal des New Yorker "Four Seasens" oder Museumskabinette mit Werken von Kandinsky, Macke und einem - im Städel einst versehentlich überkopf gehängten - Chagall. Aus der Nähe betrachtet wird erkennbar, was sich in den einzelnen Tropfen spiegelt.

Warum Gelsenkirchener Barock, warum hundsgewöhnliche Ruhrpotthäuser wie das, in dem sie selber aufwuchs? Weil es für Kneffel eine künstlerische Herausforderung darstellt, malunwürdige Gegenstände im Bild malwürdig erscheinen zu lassen. Bei den Häusern gelingt das u. a. durch Schattenwürfe auf ihre Fassade im Licht der Straßenlaterne. Und erneut durch Spiegelungen, wie sie sich dadurch ergeben, dass das Haus durch die den eigenen Innenraum reflektierende Scheibe eines gegenüberliegenden hindurch gezeigt wird. Was ist Wirklichkeit und was scheint nur so? Auf Kneffels Bildern ist auch der Schein Wirklichkeit.

Dem Lehrer und dem Sammler huldigen Bilder, die sich mit Richters in Baden-Baden beheimateter Kerze künstlerisch auseinandersetzen. Und ein berührendes 'letztes Bild' gibt es auch von einer Malerin, die nach eigenen Angaben jedes Jahr etwa zwanzig neue hervorbringt.

Bis 8. März 2020.

Text und Fotos: Johannes Koch

2018

Böhler & Orendt + Felix Burger, A mess carol, 2013. Projektion auf Wasserdampf.

Magie und Ritual in der Villa Rot

Wer kennt nicht das Bedürfnis, einen Blick in die andere, unsichtbare Realität zu werfen? Wen hat noch nie der Wunsch umgetrieben, jenseitige Kräfte für sich nutzbar zu machen können, sei es zur Verbesserung der eigenen Situation, sei es zur Schädigung eines Feindes. Wo „Magie und Ritual“ Thema sind, geht es nicht nur um suspekte Andere, sondern auch um den eigenen - vielleicht ganz anderen - Umgang mit solchen Sehnsüchten. Das lässt sich gegenwärtig in der Burgriedener Villa Rot entdecken.

Ursprünglich wollte die Ausstellung „Das Wesen der Magie“ darstellen. Aber der Begriff hat es in sich. Magie ist vieles. Und noch viel mehr wird irrtümlicher Weise unter diesen Begriff gefasst. Wollte man ihn aber auffächern in eindeutige und verständliche Begriffe, ihre Vielzahl und Divergenz würde nur neue Verwirrung hervorrufen. Selbst die kurzgefasste „Geschichte der Magie“, die der Hoenes-Saal auf vier Schautafeln präsentiert, wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten zu geben vermag. Wo liegen die geschichtlichen Wurzeln? Wie konnte auf die Aufklärung und das Ende der Magie eine regelrechte Renaissance der Magie folgen? Und gehören neben dem Schamanismus der Hippie-Kultur wirklich auch Globuli in die Geschichte der Magie?

Der tatsächliche Titel „Magie und Ritual“ erhebt nicht mehr den Anspruch, anhand von künstlerischen Äußerungen aus (mit einer Ausnahme) unserer Zeit, die ganze Weite und Tiefe des Phänomens zu ergründen. Dennoch wird in der Begegnung mit den Exponaten von Beidem etwas erahnbar. Vor allem, wenn der ergründen wollende Blick des Betrachters zunächst einmal dem sich einfühlenden den Vortritt lässt. Im Nachgang mag man dann analysieren, welche Sehnsüchte leitend sind, welche Ängste im Hintergrund lauern und welchen Sorgen vorbeugend begegnet werden soll. Aber auch, wo hoher Respekt gegenüber den Kräften des Geistes und der Natur zum Ausdruck kommt.

Gabriela Oberkofler, Prekäre Leben, Votivfiguren, Farbstift auf Papier, 2016

Helga Schmidhuber kombiniert in ihrem „Endemischen Kollegium“ wie eine Alchemistin aufgefundenes Material aus der Natur mit Gegenständen der Alltagskultur und Objekten aus okkulten oder volkstümlichen Quellen: „Päpariertes Lamm, Knöpfe, Patches, Textil, Wolle, getrocknete Steinpilze, diverse Materialien.“ Videos von Marjolijn Dijkman und Maria José Arjona lassen Hände erscheinen, die geheimnisvolle, zeichenhafte Bewegungen ausführen. Ästhetisch reizvoll, aber nicht wirklich lesbar, erinnern sie an Beschwörungsrituale, im ersten Fall unterlegt mit binauralen Tönen, die bestimmte mentale Zustände auslösen wollen, im zweiten begleitet von formelhaftem Gemurmel. Mathilde ter Heijne stellt mit „Experimenal Archeology“ Replikate antiker Keramiken aus, die während eines „Moon Rituals“, eines Vollmondheilungsrituals, von Frauen gebrannt worden waren. Böhler & Orendt + Felix Burger haben bei Renovierungsarbeiten im Luxushotel Bühlerhöhe eine geheimnisvolle Maschine entdeckt, mit der sich eine Nebelwand in den Raum zaubern lässt. Auf diese dünne Wasserdampfmembran projizieren sie (ihre) Köpfe, die als Geist der Gegenwart, der Vergangenheit und Zukunft kritisch und humorvoll mit dem Betrachter abrechnen. Der Ukrainer Andiy Hir fotografierte in seiner Heimat Menschen in Tier- oder Dämonenkostümen, die einem Winterfest aus vorchristlicher Zeit entsprungen sind. Der Peruaner Antonio Paucar bringt auf seinem Video allerhand gruselige Dinge aus seinem Mund hervor. Seine Arbeit spielt auf alte andine Reinigungsrituale an, die nach der Einnahme bestimmter Kräuter und Substanzen eine innerliche Säuberung durch Erbrechen herbeiführen. Roger Aupperle hat die Kunstfigur des „Lumenophorus“ geschaffen, des Lichtträgers. Eine Gruppe von Wesen, die leuchtende Lampenschirme wie Lichthüte auf ihren Häuptern tragen, zieht auf seinem Video prozessionsartig über den verschneiten Heuberg, faszinierend und irritierend zugleich. Gabriela Oberkofler zeigt auf 21 kleinformatigen Farbzeichnungen in ihrer typischen gepunkteten Zeichenweise Votivfiguren aus ihrer Heimat Südtirol. Objekte also wie die „Geburtskröte“, die im Zusammenhang mit einer erfolgten oder ersehnten Heilung stehen, wobei der Titel „Prekäre Leben“ auf die Sorgen verweist, die durch solche Votivfiguren gelindert oder überwunden werden wollten. Auf die Suche nach dem ultimativen Zaubertrank begab sich das Künstlerduo Johanna Mangold & Jan-Hendrik Pelz. Die drei langen Künstlerhaare, die zwingend zu ihrem Gebräu gehören, holten sie sich bei Jonathan Meese, der es sich nicht nehmen ließ, diese Haarentnahmeaktion selbst videoreif zu inszenieren.

Nikolai Nekh, Invisible Hand (Detail), 2015. Etwas Jenseits (Wandgestaltung: der gestirnte Himmel) ist abgelassen (Parkett) und steht nun hier zur Verfügung.

Gleich im ersten Raum der Ausstellung erinnert ein Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. daran, dass viele Magietheorien unserer westlichen Welt den Geist des Neuplatonismus atmen. In einem hierarchisch geordneten Kosmos ist alles miteinander verbunden. Darum verbirgt sich in jedem Ding ein gewisses magisches Potenzial und damit die Möglichkeit der Einflussnahme auf das Großeganze. Theorien, die sich zu ihrer Zeit freilich weder als Religion noch als Aberglaube verstanden, sondern als seriöse Wissenschaft. Und was unterscheidet die gezeigten Magien und Rituale vom christlichen Glauben evangelischer Prägung? Wohl dies, dass wenig spürbar wird von jenem Vertrauen, das von der Sorge um sich selbst befreit. Aber davon ist ja leider auch in kirchlichen Kreisen oft weniger spürbar als wünschenswert wäre.

Im Anbau und Sonderausstellungsraum präsentiert sich Benedikt Hipp. Weiß man, dass er Sohn eines Votivgaben-Sammlers ist, entdeckt man in seinem Werk sofort vielerlei Bezüge. Aber auch seine künstlerischen Vorbilder und Lehrer sind in seinen Arbeiten präsent: Frau Angelico, Agnes Martin und Sean Scully. Die Nähe zu „Magie und Ritual“ wird besonders an einer Skulptur deutlich, die den Titel trägt: „Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015. Selber anschauen!

4. November 2018 bis 10. Januar 2019 im Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot

Text und Fotos: Johannes Koch

Benedikt Hipp, Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015.

 

 

--------------------------------------------------------------------------