2018

Böhler & Orendt + Felix Burger, A mess carol, 2013. Projektion auf Wasserdampf.

Magie und Ritual in der Villa Rot

Wer kennt nicht das Bedürfnis, einen Blick in die andere, unsichtbare Realität zu werfen? Wen hat noch nie der Wunsch umgetrieben, jenseitige Kräfte für sich nutzbar zu machen können, sei es zur Verbesserung der eigenen Situation, sei es zur Schädigung eines Feindes. Wo „Magie und Ritual“ Thema sind, geht es nicht nur um suspekte Andere, sondern auch um den eigenen - vielleicht ganz anderen - Umgang mit solchen Sehnsüchten. Das lässt sich gegenwärtig in der Burgriedener Villa Rot entdecken.

Ursprünglich wollte die Ausstellung „Das Wesen der Magie“ darstellen. Aber der Begriff hat es in sich. Magie ist vieles. Und noch viel mehr wird irrtümlicher Weise unter diesen Begriff gefasst. Wollte man ihn aber auffächern in eindeutige und verständliche Begriffe, ihre Vielzahl und Divergenz würde nur neue Verwirrung hervorrufen. Selbst die kurzgefasste „Geschichte der Magie“, die der Hoenes-Saal auf vier Schautafeln präsentiert, wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten zu geben vermag. Wo liegen die geschichtlichen Wurzeln? Wie konnte auf die Aufklärung und das Ende der Magie eine regelrechte Renaissance der Magie folgen? Und gehören neben dem Schamanismus der Hippie-Kultur wirklich auch Globuli in die Geschichte der Magie?

Der tatsächliche Titel „Magie und Ritual“ erhebt nicht mehr den Anspruch, anhand von künstlerischen Äußerungen aus (mit einer Ausnahme) unserer Zeit, die ganze Weite und Tiefe des Phänomens zu ergründen. Dennoch wird in der Begegnung mit den Exponaten von Beidem etwas erahnbar. Vor allem, wenn der ergründen wollende Blick des Betrachters zunächst einmal dem sich einfühlenden den Vortritt lässt. Im Nachgang mag man dann analysieren, welche Sehnsüchte leitend sind, welche Ängste im Hintergrund lauern und welchen Sorgen vorbeugend begegnet werden soll. Aber auch, wo hoher Respekt gegenüber den Kräften des Geistes und der Natur zum Ausdruck kommt.

Gabriela Oberkofler, Prekäre Leben, Votivfiguren, Farbstift auf Papier, 2016

Helga Schmidhuber kombiniert in ihrem „Endemischen Kollegium“ wie eine Alchemistin aufgefundenes Material aus der Natur mit Gegenständen der Alltagskultur und Objekten aus okkulten oder volkstümlichen Quellen: „Päpariertes Lamm, Knöpfe, Patches, Textil, Wolle, getrocknete Steinpilze, diverse Materialien.“ Videos von Marjolijn Dijkman und Maria José Arjona lassen Hände erscheinen, die geheimnisvolle, zeichenhafte Bewegungen ausführen. Ästhetisch reizvoll, aber nicht wirklich lesbar, erinnern sie an Beschwörungsrituale, im ersten Fall unterlegt mit binauralen Tönen, die bestimmte mentale Zustände auslösen wollen, im zweiten begleitet von formelhaftem Gemurmel. Mathilde ter Heijne stellt mit „Experimenal Archeology“ Replikate antiker Keramiken aus, die während eines „Moon Rituals“, eines Vollmondheilungsrituals, von Frauen gebrannt worden waren. Böhler & Orendt + Felix Burger haben bei Renovierungsarbeiten im Luxushotel Bühlerhöhe eine geheimnisvolle Maschine entdeckt, mit der sich eine Nebelwand in den Raum zaubern lässt. Auf diese dünne Wasserdampfmembran projizieren sie (ihre) Köpfe, die als Geist der Gegenwart, der Vergangenheit und Zukunft kritisch und humorvoll mit dem Betrachter abrechnen. Der Ukrainer Andiy Hir fotografierte in seiner Heimat Menschen in Tier- oder Dämonenkostümen, die einem Winterfest aus vorchristlicher Zeit entsprungen sind. Der Peruaner Antonio Paucar bringt auf seinem Video allerhand gruselige Dinge aus seinem Mund hervor. Seine Arbeit spielt auf alte andine Reinigungsrituale an, die nach der Einnahme bestimmter Kräuter und Substanzen eine innerliche Säuberung durch Erbrechen herbeiführen. Roger Aupperle hat die Kunstfigur des „Lumenophorus“ geschaffen, des Lichtträgers. Eine Gruppe von Wesen, die leuchtende Lampenschirme wie Lichthüte auf ihren Häuptern tragen, zieht auf seinem Video prozessionsartig über den verschneiten Heuberg, faszinierend und irritierend zugleich. Gabriela Oberkofler zeigt auf 21 kleinformatigen Farbzeichnungen in ihrer typischen gepunkteten Zeichenweise Votivfiguren aus ihrer Heimat Südtirol. Objekte also wie die „Geburtskröte“, die im Zusammenhang mit einer erfolgten oder ersehnten Heilung stehen, wobei der Titel „Prekäre Leben“ auf die Sorgen verweist, die durch solche Votivfiguren gelindert oder überwunden werden wollten. Auf die Suche nach dem ultimativen Zaubertrank begab sich das Künstlerduo Johanna Mangold & Jan-Hendrik Pelz. Die drei langen Künstlerhaare, die zwingend zu ihrem Gebräu gehören, holten sie sich bei Jonathan Meese, der es sich nicht nehmen ließ, diese Haarentnahmeaktion selbst videoreif zu inszenieren.

Nikolai Nekh, Invisible Hand (Detail), 2015. Etwas Jenseits (Wandgestaltung: der gestirnte Himmel) ist abgelassen (Parkett) und steht nun hier zur Verfügung.

Gleich im ersten Raum der Ausstellung erinnert ein Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. daran, dass viele Magietheorien unserer westlichen Welt den Geist des Neuplatonismus atmen. In einem hierarchisch geordneten Kosmos ist alles miteinander verbunden. Darum verbirgt sich in jedem Ding ein gewisses magisches Potenzial und damit die Möglichkeit der Einflussnahme auf das Großeganze. Theorien, die sich zu ihrer Zeit freilich weder als Religion noch als Aberglaube verstanden, sondern als seriöse Wissenschaft. Und was unterscheidet die gezeigten Magien und Rituale vom christlichen Glauben evangelischer Prägung? Wohl dies, dass wenig spürbar wird von jenem Vertrauen, das von der Sorge um sich selbst befreit. Aber davon ist ja leider auch in kirchlichen Kreisen oft weniger spürbar als wünschenswert wäre.

Im Anbau und Sonderausstellungsraum präsentiert sich Benedikt Hipp. Weiß man, dass er Sohn eines Votivgaben-Sammlers ist, entdeckt man in seinem Werk sofort vielerlei Bezüge. Aber auch seine künstlerischen Vorbilder und Lehrer sind in seinen Arbeiten präsent: Frau Angelico, Agnes Martin und Sean Scully. Die Nähe zu „Magie und Ritual“ wird besonders an einer Skulptur deutlich, die den Titel trägt: „Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015. Selber anschauen!

4. November 2018 bis 10. Januar 2019 im Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot

Text und Fotos: Johannes Koch

Benedikt Hipp, Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015.

 

 

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