2019

"Blätter" in Reutlinger "gangArt"

Die neue Ausstellungsreihe im langen Gang des Reutlinger Matthäus-Alber-Hauses eröffnet mit einer Folge von 365 kleinformatigen Zeichnungen des Stuttgarter Künstlers Christoph Frick.

Gleichmaß und Differenz ist ein Hauptthema im künstlerischen Schaffen von Christoph Frick. Frick ist Sammler und Sortierer, Beobachter und Gestalter, Aufzeiger und Aufzeichner von Formen, Strukturen und Ordnungen mit hohem ästhetischem Reiz. Das immergleiche Laubblatt zeigt sich bei ihm in einer schier unermesslichen Vielfalt künstlerischer Erscheinungsformen und lädt damit seinerseits zum Wahrnehmen, Beobachten und Vergleichen ein.

Vitrine reiht sich an Vitrine im ersten Obergeschoss des Gemeinde- und Verwaltungsgebäudes Lederstraße 81. Dekan Marcus Keinath, der Initiator der neuen Ausstellungsreihe "gangArt" schreibt: "An der je persönlichen Gangart unter anderem wird es liegen, ob und wie Kunst wirken kann."

Zur Ausstellung erschien ein Leporello mit 32 Reproduktionen.
Ihm sind vorangestellt Zeilen von Matsuo Bashô (1644-1694)

Der Sommer kam doch
So einzig zu den Blättern:
In allen einzeln.

 

www.christophfrick.de

 

 

Verbotenes und Unmögliches - Karin Kneffel in Baden-Baden

Das Museum Frieder Burda zeigt derzeit eine Retrospektive, bei der die Künstlerin selbst die Bildauswahl vornahm und die Hängung. Alle Werkgruppen der 62-Jährigen sind vertreten, die einst als Richter-Schülerin bekannt wurde und längst eigene Wege geht.

Da sind die großformatigen Obstbilder der 90er Jahre, Äpfel, Pfirsiche, Trauben. Das Pfirsichbild, dem die Künstlerin nach zwanzig Jahren jetzt wieder begegnete, misst in der Höhe 7,10 Meter und hat ihren Angaben zufolge selbst mittlerweile Runzeln bekommen. Wieso Obstbilder? Weil es an der Akademie hieß, Obst sei schon allzu oft gemalt worden und darum für die Gegenwartskunst uninteressant. Von wegen! Dasselbe gilt für die 77 noch früheren Tierporträts im Kleinformat von 20 x 20 Zenitmetern, gehängt im Abstand von 20 cm nach allen Seiten und immer in derselben Reihenfolge, welche die Künstlerin mittlerweile auswendig herbeten kann: Huhn, Schaf, Kuh, Ziege. Eine Kindheitsreminiszenz. Die Großeltern hatten einen Bauernhof.

Die bekannten Interieurs sind da mit Teppichen und Sesseln im Gelsenkirchener Barock und Hund auf spiegelndem Parkett. Viele, sagt die Künstlerin, muss sie eigens darauf aufmerksam machen, dass das Spiegelbild eines wachsamen Dalmatiners dem des gespiegelten und noch dösenden bereits um Sekunden voraus ist. Die Malerei macht Unmögliches möglich. Auch auf dem 7,10 Meter breiten Feuerbild, das die Bewegung der züngelnden Flammen darzustellen und festzuhalten versucht. Wie den Glaskasten-Einbau malen im Duisburger Lehmbruckmuseum mit seinen Skulpturen? Hier half ein Einfall, ein Problem der Malerei zu lösen. Der Einfall, einen Fensterputzer die Glaswände einseifen zu lassen.

Wassertropfen auf Glas gehören zum malerischen Repertoir von Karin Kneffel. Erarbeitet hat sie es sich in Erinnerung an ein anderes Kindheitserlebnis mit einem Klohäuschen hinter dem nämlichen Bauernhof und der dortigen oft von Tropfen und Schlieren überzogenen Scheibe. In ihrem Oeuvre verfremden solche tropfenüberzogenen Scheiben berühmte Räume wie den Mies van der Rohe - Saal des New Yorker "Four Seasens" oder Museumskabinette mit Werken von Kandinsky, Macke und einem - im Städel einst versehentlich überkopf gehängten - Chagall. Aus der Nähe betrachtet wird erkennbar, was sich in den einzelnen Tropfen spiegelt.

Warum Gelsenkirchener Barock, warum hundsgewöhnliche Ruhrpotthäuser wie das, in dem sie selber aufwuchs? Weil es für Kneffel eine künstlerische Herausforderung darstellt, malunwürdige Gegenstände im Bild malwürdig erscheinen zu lassen. Bei den Häusern gelingt das u. a. durch Schattenwürfe auf ihre Fassade im Licht der Straßenlaterne. Und erneut durch Spiegelungen, wie sie sich dadurch ergeben, dass das Haus durch die den eigenen Innenraum reflektierende Scheibe eines gegenüberliegenden hindurch gezeigt wird. Was ist Wirklichkeit und was scheint nur so? Auf Kneffels Bildern ist auch der Schein Wirklichkeit.

Dem Lehrer und dem Sammler huldigen Bilder, die sich mit Richters in Baden-Baden beheimateter Kerze künstlerisch auseinandersetzen. Und ein berührendes 'letztes Bild' gibt es auch von einer Malerin, die nach eigenen Angaben jedes Jahr etwa zwanzig neue hervorbringt.

Bis 8. März 2020.

Text und Fotos: Johannes Koch

2018

Böhler & Orendt + Felix Burger, A mess carol, 2013. Projektion auf Wasserdampf.

Magie und Ritual in der Villa Rot

Wer kennt nicht das Bedürfnis, einen Blick in die andere, unsichtbare Realität zu werfen? Wen hat noch nie der Wunsch umgetrieben, jenseitige Kräfte für sich nutzbar zu machen können, sei es zur Verbesserung der eigenen Situation, sei es zur Schädigung eines Feindes. Wo „Magie und Ritual“ Thema sind, geht es nicht nur um suspekte Andere, sondern auch um den eigenen - vielleicht ganz anderen - Umgang mit solchen Sehnsüchten. Das lässt sich gegenwärtig in der Burgriedener Villa Rot entdecken.

Ursprünglich wollte die Ausstellung „Das Wesen der Magie“ darstellen. Aber der Begriff hat es in sich. Magie ist vieles. Und noch viel mehr wird irrtümlicher Weise unter diesen Begriff gefasst. Wollte man ihn aber auffächern in eindeutige und verständliche Begriffe, ihre Vielzahl und Divergenz würde nur neue Verwirrung hervorrufen. Selbst die kurzgefasste „Geschichte der Magie“, die der Hoenes-Saal auf vier Schautafeln präsentiert, wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten zu geben vermag. Wo liegen die geschichtlichen Wurzeln? Wie konnte auf die Aufklärung und das Ende der Magie eine regelrechte Renaissance der Magie folgen? Und gehören neben dem Schamanismus der Hippie-Kultur wirklich auch Globuli in die Geschichte der Magie?

Der tatsächliche Titel „Magie und Ritual“ erhebt nicht mehr den Anspruch, anhand von künstlerischen Äußerungen aus (mit einer Ausnahme) unserer Zeit, die ganze Weite und Tiefe des Phänomens zu ergründen. Dennoch wird in der Begegnung mit den Exponaten von Beidem etwas erahnbar. Vor allem, wenn der ergründen wollende Blick des Betrachters zunächst einmal dem sich einfühlenden den Vortritt lässt. Im Nachgang mag man dann analysieren, welche Sehnsüchte leitend sind, welche Ängste im Hintergrund lauern und welchen Sorgen vorbeugend begegnet werden soll. Aber auch, wo hoher Respekt gegenüber den Kräften des Geistes und der Natur zum Ausdruck kommt.

Gabriela Oberkofler, Prekäre Leben, Votivfiguren, Farbstift auf Papier, 2016

Helga Schmidhuber kombiniert in ihrem „Endemischen Kollegium“ wie eine Alchemistin aufgefundenes Material aus der Natur mit Gegenständen der Alltagskultur und Objekten aus okkulten oder volkstümlichen Quellen: „Päpariertes Lamm, Knöpfe, Patches, Textil, Wolle, getrocknete Steinpilze, diverse Materialien.“ Videos von Marjolijn Dijkman und Maria José Arjona lassen Hände erscheinen, die geheimnisvolle, zeichenhafte Bewegungen ausführen. Ästhetisch reizvoll, aber nicht wirklich lesbar, erinnern sie an Beschwörungsrituale, im ersten Fall unterlegt mit binauralen Tönen, die bestimmte mentale Zustände auslösen wollen, im zweiten begleitet von formelhaftem Gemurmel. Mathilde ter Heijne stellt mit „Experimenal Archeology“ Replikate antiker Keramiken aus, die während eines „Moon Rituals“, eines Vollmondheilungsrituals, von Frauen gebrannt worden waren. Böhler & Orendt + Felix Burger haben bei Renovierungsarbeiten im Luxushotel Bühlerhöhe eine geheimnisvolle Maschine entdeckt, mit der sich eine Nebelwand in den Raum zaubern lässt. Auf diese dünne Wasserdampfmembran projizieren sie (ihre) Köpfe, die als Geist der Gegenwart, der Vergangenheit und Zukunft kritisch und humorvoll mit dem Betrachter abrechnen. Der Ukrainer Andiy Hir fotografierte in seiner Heimat Menschen in Tier- oder Dämonenkostümen, die einem Winterfest aus vorchristlicher Zeit entsprungen sind. Der Peruaner Antonio Paucar bringt auf seinem Video allerhand gruselige Dinge aus seinem Mund hervor. Seine Arbeit spielt auf alte andine Reinigungsrituale an, die nach der Einnahme bestimmter Kräuter und Substanzen eine innerliche Säuberung durch Erbrechen herbeiführen. Roger Aupperle hat die Kunstfigur des „Lumenophorus“ geschaffen, des Lichtträgers. Eine Gruppe von Wesen, die leuchtende Lampenschirme wie Lichthüte auf ihren Häuptern tragen, zieht auf seinem Video prozessionsartig über den verschneiten Heuberg, faszinierend und irritierend zugleich. Gabriela Oberkofler zeigt auf 21 kleinformatigen Farbzeichnungen in ihrer typischen gepunkteten Zeichenweise Votivfiguren aus ihrer Heimat Südtirol. Objekte also wie die „Geburtskröte“, die im Zusammenhang mit einer erfolgten oder ersehnten Heilung stehen, wobei der Titel „Prekäre Leben“ auf die Sorgen verweist, die durch solche Votivfiguren gelindert oder überwunden werden wollten. Auf die Suche nach dem ultimativen Zaubertrank begab sich das Künstlerduo Johanna Mangold & Jan-Hendrik Pelz. Die drei langen Künstlerhaare, die zwingend zu ihrem Gebräu gehören, holten sie sich bei Jonathan Meese, der es sich nicht nehmen ließ, diese Haarentnahmeaktion selbst videoreif zu inszenieren.

Nikolai Nekh, Invisible Hand (Detail), 2015. Etwas Jenseits (Wandgestaltung: der gestirnte Himmel) ist abgelassen (Parkett) und steht nun hier zur Verfügung.

Gleich im ersten Raum der Ausstellung erinnert ein Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. daran, dass viele Magietheorien unserer westlichen Welt den Geist des Neuplatonismus atmen. In einem hierarchisch geordneten Kosmos ist alles miteinander verbunden. Darum verbirgt sich in jedem Ding ein gewisses magisches Potenzial und damit die Möglichkeit der Einflussnahme auf das Großeganze. Theorien, die sich zu ihrer Zeit freilich weder als Religion noch als Aberglaube verstanden, sondern als seriöse Wissenschaft. Und was unterscheidet die gezeigten Magien und Rituale vom christlichen Glauben evangelischer Prägung? Wohl dies, dass wenig spürbar wird von jenem Vertrauen, das von der Sorge um sich selbst befreit. Aber davon ist ja leider auch in kirchlichen Kreisen oft weniger spürbar als wünschenswert wäre.

Im Anbau und Sonderausstellungsraum präsentiert sich Benedikt Hipp. Weiß man, dass er Sohn eines Votivgaben-Sammlers ist, entdeckt man in seinem Werk sofort vielerlei Bezüge. Aber auch seine künstlerischen Vorbilder und Lehrer sind in seinen Arbeiten präsent: Frau Angelico, Agnes Martin und Sean Scully. Die Nähe zu „Magie und Ritual“ wird besonders an einer Skulptur deutlich, die den Titel trägt: „Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015. Selber anschauen!

4. November 2018 bis 10. Januar 2019 im Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot

Text und Fotos: Johannes Koch

Benedikt Hipp, Converted system with lung and spiracle ( : offering : ) , (pneumopathologic studies) 2015.

Farblicht-Baden in Baden-Baden

James Turell. The Substance of Light.
Museum Frieder Burda, Baden-Baden.

„Sieht’s so im Himmel aus?“ Der Mann, der neben mir Turrells Lichtraum APANI betritt, bleibt nach zwei, drei Schritten stehen, wendet den Kopf staunend nach allen Seiten und fragt flüsternd in den Raum hinein. Niemand antwortet, aber alle denken dasselbe. „Ganzfeld“ nennt der us-amerikanische Künstler seine Installation mit einem deutschen Wort. Sie taucht den Besucher ganz in die Atmosphäre eines entgrenzten und entmaterialisierten Raumes ein. Der letzte Schimmer rosafarbenen Lichts weicht einem mächtig einströmenden weichen Blau, das alle Kontraste auflöst und durch eine gleichmäßige monochrome Ausleuchtung den Raum völlig konturlos wirken lässt. Nur eine schmale Rahmenleiste, die sich um das schwarze Quadrat des rückwärtigen Einstiegsloches legt, hält den Farbton Rosa noch, der langsam anschwillt zu einem kräftigen Pink. Eine Frau steht mit angelegten Armen und geschlossenen Beinen regungslos wie ein Menhir vor der gegenüberliegenden blauen Lichtwand. Als ich mich neben sie stelle, sehe ich, was sie sieht. Alles und nichts. Der Blick verliert sich im virtuellen Farbraum. Er muss seine Zielgerichtetheit aufgeben. Orientierung ist unmöglich. Die gesammelte Aufmerksamkeit wendet sich darum von außen nach innen. Der Künstler meint: „Man sieht sich selber sehen.“

"Wie ist das gemacht?" Noch so eine Frage, die sich alle stellen. Aber niemand spricht sie aus. Das Erleben schlägt einen so in Bann, dass das Ergründen darüber beinahe belanglos wird. Nirgendwo hängt ein Beamer von der Decke. Aber es gibt sie im Hintergrund, die Apparate, die diese Atmosphären erzeugen. Der Kurator der Ausstellung verrät, es sind zwei, die zusammenspielen. Einer fürs Farblicht und einer für die Sequenzen, für den Rhythmus des Farblichtwechsels.

Die Baden-Badener Retrospektive vereint Werke aus 50 Jahren. Die frühen „Projection Pieces“ projizieren einen konzentrierten Lichtstrahl in die entgegengesetzte Raumecke, bei den „Shallow Space Constructions“ wird eine Wand mitten im Raum von hinten derart beleuchtet, dass von vorne die Illusion mehrerer in sich verschachtelter Farbräume entsteht. „Skyspaces“ sind gebaute Räume, die in der Decke eine runde, ovale oder quadratische Öffnung haben, die den Raum nach oben hin entgrenzt und das ständig in Wandlung begriffene Licht des Himmels einfließen lässt. In den 70er Jahren wurde der heute 75jährige Turrell durch das Observatorium bekannt, das er in der Wüste von Arizona auf einem erloschenen Vulkanschlackenkegel errichtete. Der Pilot Turrell hatte ihn beim Überflug entdeckt. Das System aus unterirdischen Hallen, Schächten und Stollen gleicht einem Tempel, der allein dem Himmelslicht geweiht ist, das hier unverfälscht vom Lichtsmog großer Städte erlebt werden kann. Turrells Architektur-Modelle, von denen einige in der Ausstellung gezeigt werden, stellen eine eigenständige Werkgruppe dar.

Den Anlass für die gesamte Schau bildet der Ankauf der Arbeit „Curved Wide Glass (gold)“ aus diesem Jahr, für deren Präsentation der Museumsshop im Untergeschoss weichen musste. Eine ovale Linse aus satiniertem Glas verändert durch rückseitig eingebaute LEDs über mehrere Stunden hin langsam ihre Farbigkeit. Eine Sitzbank vis-à-vis lädt in dem geschlossenen goldgelben Raum zum Verweilen und Beobachten ein.

In allen Installationen Turells geht es um „light and space“, Licht und Raum, auch in seinen grafischen Arbeiten. Doch allein in den Räumen lässt sich die Körperlichkeit von Farblicht umfassend erleben. Der Kurator sagt: „Ob christlich als Himmel oder jüdisch als Schöpfungsmorgen oder wie auch immer, das deuten Sie bitte selbst!“ Küchenpsychologen, aufgemerkt: Der Künstler entstammt einer Quäkerfamilie und lebte in seiner Kindheit geraume Zeit ohne elektrisches Licht.

Für die Turrell-Schau wurden gewaltige Einbauten im lichtdurchfluteten Richard Meyer-Bau des Museums Frieder Burda nötig. Sie dürfen jeweils nur von ganz wenigen Personen gleichzeitig betreten werden, sonst ist die Wirkung dahin. Wer sich von Turrells Licht anlocken lässt, besorgt sich am besten online Tickets für ein bestimmtes Zeitfenster. In Baden-Baden wird mit langen Schlangen gerechnet.

Bis 28. Oktober.                                                                Text und Fotos: Johannes Koch

DUPLEX

Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt Bilder des gebürtigen Iren Sean Scully, in denen die „Duplexität“ des Lebens zur Einheit findet. Bis 5. August 2018

„Jedes Bild ist ein Selbstbildnis“, sagt Sean Scully. Der gebürtige Ire steht wie ein Baum vor einem seiner Streifenbilder und erzählt. Streifen stünden bei ihm nicht für Ordnung, sondern für Rhythmus und Musik. Scullys Mutter war Sängerin, der junge Scully, begeistert von der amerikanischen Rhythm-and-Blues-Musik, eröffnete einen eigenen Club, ehe er nach London zog, um Malerei zu studieren. Erinnert er sich noch an sein erstes Streifenbild? Ja, es entstand in der Auseinandersetzung mit einem Selbstbildnis von Ernst Ludwig Kirchner. Auf ihm trägt der Künstler eine gestreifte Hausjacke. Ihretwegen habe er dieses Bild unheimlich gemocht. Scullys Balkenbilder dagegen gehen auf Holzkisten zurück, die er als junger Mann in einem seiner Brotjobs passgenau im Kastenwagen zu verstauen hatte. Schön seien seine Bilder aber nicht nur durch den Rhythmus, den er ihnen einschreibt, sondern auch durch die gebrochene und oft geradezu schmutzig wirkende Farbe. Schönheit müsse einen Bezug zur Wahrheit haben. Der Mensch sei nun einmal ein gespaltenes und widersprüchliches Wesen, und Schmutz bringe seine Natur wunderbar auf den Punkt.

In der Schau „Sean Scully. Vita Duplex“ zeigt die Kunsthalle Karlsruhe rund 120 Werke von den sechziger Jahren bis heute. Monumental und gleichzeitig kammermusikalisch setzt Sean Scully Balken und Linien zu Gittern, Horizontalbildern und Mauerblöcken zusammen. Immer wohnt ihnen ein eigentümliches Spannungsverhältnis inne von Hell und Dunkel, Ordnung und Störung, Geschichte und Gegenwart, Geist und Gefühl. Alles ist eben „duplex“.

Wollte jemand diesen Bildern eine spirituelle Qualität zusprechen - der Künstler widerspräche nicht. Verschiedentlich hat er, für den Spiritualität etwas Essentielles ist, darüber geklagt, es sei typisch für unsere Zeit,  dass "die Spiritualität als ein irgendwie unangenehmes, unverständliches und überflüssiges Problem abseits liegt ... obwohl die Geschichte wieder und wieder zeigt, dass alles zusammenbricht, wenn man auf die Spiritualität verzichtet".

Einzelne Gemälde beziehen sich auf Philosophen oder Maler, mit denen sich der 72-Jährige eingehend beschäftigt hat. „The Bather“ (1983) ist farblich eine Hommage an Henri Matisse, in „Arles-Nacht-Vincent“ (2015) huldigt er der Farbpalette Vincent van Goghs. Giorgio Morandi erklärt er in einem grauen Diptychon zu einem seinem Wahlverwandten. Nach dem tragischen Tod seines 19-jährigen Sohnes seien seine Bilder grau geworden, konstatiert der Maler. Gleichwohl meint man aus vielen seiner Ölbilder ein inneres Licht herausleuchten zu sehen.

Als junger Mensch, erzählt Scully, habe er nur sehr wenig Zuwendung erfahren. „Und jetzt im Alter ist es so viel“, ergänzt er. „Fast zu viel“, beschwert er sich scherzhaft, um gleich darauf die sensationelle kuratorische Leistung dieser Bilderschau zu rühmen.

Sie zeigt auch die sogenannten Insets der letzten fünf Jahre, bei denen Scully Bilder ins Bild einsetzt. Eine Leinwand wird kastenförmig in die Leinwand eingefügt und suggeriert so die Vorstellung von einem Fenster. „Diese Bilder fungieren als Metaphern für Hoffnung oder Störung“, sagt Scully. Fenster markieren eine Schwelle zwischen Innen und Außen, die wie ein Versprechen wirkt. Da ist sie wieder, die spirituelle Dimension.

Scully transformiert Erfahrenes und Erlittenes in eine Sprache des Rhythmus. Dabei mangelt es nicht an Poesie, versehen mit einem Hauch Wehmut, der durch die Ritzen seiner farbigen Blöcke scheint. Scullys Malerei überwältigt nicht. Auch nicht in ihren Großformaten. Aber sie berührt. 

 

Text: Christina Kirsch / Johannes Koch
Fotos: Johannes Koch

Erläuterungen zu "Two Windows Grey Diptych, 2000, eine Auseinandersetzung mit Morandi

Die Kuratorin Kirsten Claudia Voigt zwischen "Beckett", 2006, und "Königin der Nacht", 2003

2017

Pinc kommt. Rupprecht Geiger im Schauwerk Sindelfingen

Das Malen mit Tagesleuchtfarbpigmenten hat ihn berühmt gemacht. Ein Künstlerleben lang porträtierte Rupprecht Geiger Farben. Allen voran Rot und Pink. Auf der Suche nach der absoluten Farbe. Zum 110. Geburtstag widmet ihm das Schauwerk Sindelfingen eine Überblicksausstellung über sein Schaffen. Im Dezember 2009 verstarb der Künstler, der auch Kirchenräume gestaltete, fast 102jährig. Geiger gehört zu den wichtigsten abstrakten Malern der Nachkriegsavantgarde.

Von Haus aus ist Geiger nicht Maler, sondern Architekt. Als er zum Kriegsdienst nach Polen und Russland einberufen wird, führt er Tagebücher, die er mit Zeichnungen und Aquarellen versieht. Das bringt ihm die Stellung eines Kriegszeichners ein. In späteren Gemälden klingen die Landschaften Russlands nach mit ihren Farben. Die Farbe Rot spielt bereits eine herausgehobene Rolle. In der "Stunde Null" kommte es im zerbombten München zu einer Begegnung, welche die Farber Rot/Pink endgültig ins Zentrum seines malerischen Interesses rückt. Ein epitaphartiges Bild aus späterer Zeit dokumentiert dieses Farbfindungsereignis mitten in Schutt und Tristesse. Der rote Pulli eines amerikanischen Mädchens steht dabei ebenso Pate wie ein pinkfarbener Lippenstift aus einem Care-Paket.

Ab 1952 setzt Geiger die erwähnten Tagesleuchtfarbpikmente ein. Auch sie bezieht er aus den USA, wo sie ursprünglich für militärische Zwecke erfunden worden waren. Nach malerischen Anfängen wird jetzt die Serigraphie zu seinem Druckverfahren.

Die Ausstellung zeigt Bilder und Installationen aus allen Schaffensphasen. Man erlebt auch das Experimentieren mit Orange, und Gelb mit. Beide Farben zählt Geiger zum Rotspektrum. Auch Blautöne tauchen auf. Und ein einziges Bild mit der für ihn schwierigen Farbe Grün. "Farbe tanken" steht an einem Modell. Eine Rückenfigur schaut durch eine liegenden Röhre, die innen "unisono" pink ausgemalt ist, auf eine ebenfalls in Pink bemalte quadratische Scheibe. Farbe satt für alle.

Text und Fotos: Johannes Koch

Schauwerk Sindelfingen
(The Schaufler Foundation)
Eschenbrünnlestraße 15/1
71065 Sindelfingen
www.schauwerk-sindelfingen.de
bis 16. September 2018

Schloss Achberg nördlich von Lindau

KRAFTQUELLEN im Schloss Achberg

Hinter einer spätmittelalterlichen Kreuzigungsgruppe läuft an der Wand per Video-Projektion eine Sonnenfinsternis ab. Die Corona um den Mondschatten herum flammt mal mehr, mal weniger auf. Manchmal erhellt sie dabei das dornengekrönte Haupt des Gekreuzigten. Dann versinkt es wieder im Finstern. Christoph Brech kombiniert seinen Loop „Eternal Eclipse“, 2015, mit Figuren des Meisters des Schongauer Altärchens. Der Gekreuzigte gilt als auferweckt vom Tode, aber das Leiden in der Welt setzt sich fort. Wie finster wäre die Welt, wenn es nicht am Horizont den Sonnenstrahl der Auferstehungshoffnung gäbe? Jeanette Zippel hat mit ihrem Hängeobjekt „Facetten 2“ einen Bienenwabenbau überdimensional nachgebaut und in die Mitte eines lichten Barockzimmers gestellt. Es duftet nach Bienenwachs. Eine Video-Projektion an der Decke macht das Schwärmen der emsigen Kerbtierchen sichtbar und hörbar. Zippel bringt ihre Arbeit in Zusammenhang mit einem feuervergoldeten Bronzekruzifix aus der Romanik. Sein gleichschenkliges Kreuz versinnbildlicht für sie das Wirken Jesu Christi „in alle Richtungen“. Wie das Miteinander im Bienenvolk ist es geprägt von sozialen Werten. Und wie die Aktivität der Bienen auf einen neuen Wabenbau ausgerichtet ist, so zielt das Wirken Christi darauf ab, den Lebensraum der Erde neu zu erschaffen. Die in eine neue Welt ausschwärmenden Bienen am Zimmerdeckenhimmel dürfen als Auferstehungsmetapher gelesen werden.

Das ist das Konzept der Ausstellung, die Dr. Ilonka Czerny von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart kuratiert hat. 16 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler treten in Beziehung zu einem von ihnen selbst ausgewählten sakralen Kunstwerk aus der Zeit vor 1800. Dabei werden die alten Kraftquellen für unsere Zeit neu erschlossen. Zugleich werden religiöse Dimensionen in künstlerischen Äußerungen der Gegenwart erkennbar. Und der Versuch, Unsagbares sichtbar zu machen, der das künstlerische Schaffen über die Jahrhunderte hinweg verbindet.

Christoph Frick, Stiftungsrat unserer kirchlichen Kunststiftung, hängt an die vier Wände seiner Kammer zwölf großformatige Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen von unsichtbarer Hand halbgeöffnete oder halbgeschlossene Gittertüren vor einer Mauer, an der Pflanzen spalierartig nach oben wachsen. Die Bedeutung dieser Türen lässt sich dabei nicht ganz erschließen. Bunte Retuschefarbe läuft von irgendwoher ins Bild. Oder fließt aus ihm heraus. In der Raummitte steht auf einem Sockel ein „Auferstehungschristus“ aus Lindenholz von 1650. Er steht da mit gesenktem Blick, im Augenblick offenbar noch gar nicht in der Lage, die Freiheit zu erkennen und zu genießen, die ‚die ihm geöffnete Tür‘ ihm schenkt. Der Titel dieser Arbeit, „Sanssouci“, scheint sich nicht allein auf die Wandbilder zu beziehen, sondern Wandbild und Standbild miteinander zu verbinden. Und beides zusammen mit dem Ausstellungsthema „Kraftquellen“.

Alle Kunstwerke aus alter Zeit entstammen der Kunstsammlung der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW). Die Auswahl religiöser Kunstwerke verdankt sich dem Reformationsjubiläum. Da Oberschwaben den reformatorischen Umtrieben im 16. Jahrhundert jedoch weitgehend widerstand, finden sich in der Ausstellung zahlreiche Objekte aus altgläubigem und gegenreformatorischem Geist.

Sr. M. Pietra Löbls ineinander gelegte Schalen aus getrockneten Rosenblättern verstehen sich als „Bild für Maria und jede menschliche Seele“. Bezugspunkt ist eine Muttergottes von 1470/80. Laurenz Theinert projiziert Lichtspiele auf eine etwas grobschlächtig geratene Pieta aus der Zeit um 1500. Sie visualisieren die Gefühle einer Liebesbeziehung und gehen damit weit über den im Bild selbst dargestellten Schmerz hinaus. Klaus Illi wählt eine trauernde Maria und stellt in seiner Rauminstallation eine Beziehung her zu der im Oktober 2016 bei Freiburg ermordeten Studentin Maria Ladenburger. Ein Foto, eine Himmelszeichnung des Opfers, die auch bei der Beisetzung eine Rolle spielte, sowie eine Kniebank und eine bis an die Decke reichende (Himmels-)Leiter machen den Raum - mit Zustimmung der Trauerfamilie - zu einem Gedenkort. Sonja Alhäuser präsentiert „Diverse Rezepte“, Mischtechniken auf Papier, in Anlehnung an die Skulptur „Unterweisung Mariens durch Mutter Anna“ von 1750. Ein lebensgroßer Heiliger Sebastian wird bei Jan Dietrich von einem Smartphone umkreist, das wie an einem Mobile über ihm hängt und ihn pausenlos filmt. Aber wie flach und kraftlos wirkt das zweidimensionale Abbild verglichen mit der ungeheuer präsenten dreidimensionalen Figur im Raum! Im Übrigen spielen - wen wundert’s - Engel eine Rolle. Mal umgeben von Susanna Taras‘ grellbunten Wandteppich-Rosen, Symbole irdischer Liebe für das Symbol der himmlischen, mal als schmerzlich vermisste Schutzengel wie in Karolin Brägs Rauminstallation „Himmel für ein unbekanntes Mädchen“. Daniel Bräg zeigt als Meister von Pfullendorf die „Reliquienbüste des hl. Daniel, um 2017“ inklusiv Glasbehältnis mit Blut im Gegenüber zu der einer weiblichen Heiligen des Meisters von Eriskirch um 1420. Die kirchliche Heiligenverehrung lässt nach, die Religiosität wandert in andere Gefilde ab, Popstars und Idole werden verehrt wie einst diese Heiligen.

Und auch der Zeichner Matthias Beckmann schafft den Sprung in die Gegenwart mit Zeichnungen aus einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin, die verblüffende formale und inhaltliche Bezüge aufweisen zu einem spätmittelalterlichen Holzrelief mit der „Flucht nach Ägypten“. Außerdem sind beteiligt an dieser Ausstellung: Thom Barth, Wilm Weppelmann, Rolf Wicker und Iris Wöhr-Reinheimer.

Alles in allem - Achberg ist einen Ausflug wert. Alte und neue Kunst erweisen sich als Kraftquelle. In verschiedener Hinsicht. Und in ihrem aufeinander bezogen sein umso mehr.

Dauer der Ausstellung „Kraftquellen“ bis 22. Oktober Öffnungszeiten Fr 14-18 Uhr und Sa/So/Feiertage 10-18 Uhr Schloss Achberg 88147 Achberg www.schloss-achberg.de

Text und Fotos: Johannes Koch

Christoph Brech, Eternal Eclipse, 2015, mit Meister der Schongauer-Altärchens aus Söflingen, um 1480/90

Jeanette Zippel, Facetten 2, 2001, und Schwarm, 2003, mit Kruzifix, Oberschwaben, um 1150

Christoph Frick, Sanssouci, 2007/2017, mit Michael Lechleitner / Martin Zürn, auferstehungschristus, um 1650

Laurenz Theinert, Lichtprojektion auf Skulptur, 2017, mit Pieta, Oberschwaben, um 1500

Jan Dietrich, Digitale Perspektiven auf das Figurative, 2017, mit Hl. Sebastian, Bodenseeraum, um 1700

Susanna Taras, Hommage an einen Engel, 2017, mit Johann Joseph Christian, Sitzender Engel, um 1760

Matthias Beckmann, Aus der Serie "Notunterkunft Lobeckstraße", 2016, mit Michael Zeynsler, Flucht nach Ägypten, um 1525/30

 

 

 

 

 

 

 

 

Rosalies Lichtwirbel in Sindelfingen - Zum Gedenken an die im Juni Verstorbene bis Januar 2018 verlängert!

In Sindelfingen stehen mehrere Liegestühle bereit für ein Lichterlebenis an trüben Wochenendtagen. Rosalie konnte im ehemaligen Hochregallager des Schauwerks Sindelfingen ihre bisher mächtigste Lichtskulptur realisieren. 15 Meter hoch und bis zu 8 Meter breit ist das kinetische Objekt, das von der umlaufenden Galerie aus über vier Etagen hinweg in unterschiedlichsten Blickwinkeln wahrgenommen und erlebt werden kann. Aber eben auch ganz entspannt am Boden von einem Liegestuhl aus.

Das Licht fließt, blitzt, strömt und schwebt durch die hängenden, wirbelnden und vielfach zu stilisierten Blüten gesteckten "Lichtschläuche". Computer steuern das Farb- und Lichtspiel in einem Loop von 25 Minuten. Es beginnt mit Weiß, in das sich Steingrau mischt, dann fließen Blautöne ein, Orangetöne verwandeln die Skulptur in einen Feuerball, sie gehen über ins Violette und Türkise, plötzlich verwandelt sich alles in einen Goldregen und schließlich in einen hängenden Garten aus Grün- und Weißtönen.  Die Bodenbedeckung wirkt wie ein schwarzer See, in dem sich die Himmelsblumen spiegeln.

Aus integrierten Lautsprechern strömen Kläge hinzu, in Rhythmus und Lautstärke wohldosiert - eine eigenständige Sound-Komposition von Matthias Ockert: "Cool Tune", 2016. Sie basiert auf Lichtdaten aus der Beobachtung von Transneptunialen Objekten durch das Herschel Teleskop. Ein faszinierendes sinnliches Erlebnis!

13. März 2016 bis Januar 2018
Text und Fotos: Johannes Koch

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                

Gerhard Richters Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Vier Fotografien bildeten den Ausgangspunkt. Richter war es wichtig, die Sicht von Opfern auf die Taten der Verbrecher zugrunde zu legen. Richters Arbeitsweise bringt es mit sich, dass die Fotos durch mehrere Schichten von Farbe abgedeckt werden, "bis ich das Gefühl hatte, hier kann ich nichts mehr tun".

Der unmittelbare Zugriff aufs Thema missrät laut Richter in aller Regel und "wird albern", wie Ausstellungsprojekte und Bücher mit dem Titel "Der Holocaust in der Kunst" beweisen. Bei Richter sind die Ausgangsfotos kein wirklicher Bestandteil des Bildes mehr. "Die Bilder sind den Fotos gewidmet", könnte man sagen. "Sie entsprechen ihrer Stimmung".

Richter hat fotografische Ausschnitte aus den vier Tafeln zu neuen Bildtafeln zusammengefügt. Auch sie sind in Baden-Baden zu sehen. Erweitert wird die Ausstellung durch Arbeiten von Carl Andre, Adolph Gottlieb, Imi Knoebel, Sol LeWitt, Willem de Kooning, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Clyfford Still und Andy Warhol unter der Überschrift "GROSSE ABSTRAKTION".

Bis 29. Mai 2016
Text und Fotos: Johannes Koch

Gerhard Richter im Museum Frieder Burda, Baden-Baden

"BIRKENAU", vier Bilder über Fotografien von Häftlingen aus dem KZ Birkenau

Auch die zugrundeliegenden historischen Häftlingsfotos werden in der Ausstellung gezeigt.

                                                                                                                                                                                             

Verlängert auf unbestimmte Zeit: Münster-Scanning in Ulm

Vor 125 Jahren wurde in Ulm der höchste Kirchturm der Welt im Stil der Gotik fertiggestellt. Der Stuttgarter Lichtkünstler Joachim Fleischer macht dessen filigrane Struktur bei Dunkelheit erlebbar. Mit seiner Installation "Münster-Scanning". Sie ist noch bis Jahresende zu sehen. Mindestens.

Kritik kam von Ulmern, die sich Spektakuläreres erwartet hatten: ein Feuerwerk der Farben, ein Lichtspiel, das den Blick unwillkürlich in die Höhe zieht. Das tut Fleischers Lichtinstallation zwar, aber sie will nicht überwältigen, sondern abtasten und dabei die Architektur erfahrbar werden lassen.

Licht ist für Fleischer Mittel für einen Erkenntnisprozess. Er sieht's als Materie, die einen Raum füllt und leert und auch aus dem Raum herausfällt. Er arbeitet grundsätzlich mit weißem Licht, das die Summe aller Farben darstellt.

Am Münsterturm bespielt er die Höhe von 70 bis 160 Metern. Mehr als ursprünglich vorgesehen. Die sechs großen Lichtquellen bewegen sich auf horizontalen Schienen, die 1,5 Meter in den Innenraum und 2 Meter nach außen ragen. Eine besondere Herausforderung stellte die Voraussetzung dar, dass der Stein des Turmes nicht angetastet werden durfte. Die leitenden Chips auf den Lichtschienen müssen ständig wassergekühlt werden, die sechs Akrylglasabdeckungen mussten aus je einem Block herausgefräst werden, ein Prozess der pro Abdeckung drei Tage in Anspruch nahm. Da sie sich bei schwankenden Temperaturen um bis zu sechs Zentimeter ausdehnen können, sind sie schwimmend gelagert. 40 bis 50 Mal im Jahr schlägt der Blitz in den Münsterturm ein. Fleischer, der den Blitzschutzfachleuten ihre Sorglosigkeit nicht abnahm, schützte jedes einzelne Element. Zur Installation Ende Dezember 2014 wurden bei einer Außentemperatur von Minus 25 Grad drei Industriekletterer benötigt.

Joachim Fleischer führt am Freitag, 11. Dezember, selbst auf den Turm. Treffpunkt ist um 15.50 Uhr am Münsterportal. Karten zu 12 Euro gibt es nur im Vorverkauf an der Münsterkasse.

 

Text und Foto: Johannes Koch

 

 

Arnulf Rainer

Zum 85. Geburtstag des österreichischen Malers Arnulf Rainer zeigt das Museum Frieder Burda in Baden-Baden eine Retrospektive. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Wiener Albertina und ist ergänzt mit "Bibel-Bildern" aus dem Besitz des Sammlers. Die lohnende Ausstellung bietet auf drei Etagen einen repräsentativen Querschnitt durch das Gesamtwerk, von den frühen Proportionsstudien und ersten Übermalungen in Rot oder Schwarz über die Kreuze und die übermalten Automatenfotos bis hin zu den Schleierbildern der letzten Jahre. Im Untergeschoss findet sich eine Reihe von Bildern zur Bibel, die Arnulf Rainer in der ihm eigenen Art übermalt und zu neuem Leben erweckt hat.

Bis 3. Mai 2015.

 

Ausstellungsfotos: J. Koch

 

 

Peter Riek, Schattengewächs, metamorphe Messerschnitte.

Zwölf Messerschnitte des Heilbronner Künstlers Peter Riek, drei Meter hoch und auswitterungsbeständigen schwarzen Gummimatten geschnitten, besetzen elf Fassaden in der Waiblinger Innenstadt und den Chorraum der Waiblinger Michaelskirche. Sie zeigen eigenwillige Kombinationen aus organischen Bestandteilen von Pflanze und Mensch.
Gewidmet ist die raumgreifende Schau, die im Rahmen des Projektes "Garten Eden" der KulturRegion Stuttgart stattfindet, dem Andenken der Waiblinger Scherenschneiderin Luise Duttenhofer (1776-1829). Duttenhofer, Pfarrerstochter und Pfarrfrau, war der Weg an die Kunstakademie versperrt. Der Scherenschnitt wurde ihr Medium, mit dem sie es zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Das Signet der Osianderschen Buchhandlung beispielsweise zeigt ihren 'lesenden Uhland'.

Rieks Hommage an Luise Duttenhofer bezieht sich auf ihre Grotesken, in denen sie eigenwillige Verbindungen von pflanzlichen Formen und menschlichen Gestalten zeigt, die bis heute faszinieren.

18. Juli bis 21. September. Die Michaelskirche ist von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Ausstellungsstadtpläne gibt es in der Galerie Stihl, Weingärtner Vorstadt 12.

 

Wo beginnt sie, die Utopie? -

Alles, was reif ist für die Insel Utopia

Fellbach zeigt bis zum 29. September in der Alten Kelter die
12. Triennale der Kleinplastik: „Utopie beginnt im Kleinen“

Im Zentrum hängt wie ein riesiges Wespennest die größte Kleinplasik der Welt: eine raumgreifende Installation des Belgiers Pascale Marthine Tayou aus tausenden bunter Plastiktüten (s.u.). Sie ist mehr als ein eye-catcher aber weniger als eine Utopie.
Sie verweist auf die globale Massenkonsumgesellschaft und ihre Schattenseiten. Plastiktütenmüll stellt seit langem eine erhebliche Belastung der Umwelt dar: Im Pazifik treibt ein Plastikmüllteppich von der Größe Zentraleuropas, und niemand fühlt sich zuständig. Oder zeigt sich hier die Wandlung, welche die klassischen Utopien in der Gegenwart erfahren haben? „Sie bedienen keine Zukunftshoffnungen und präsentieren keine Wunschbilder mehr, mit deren Hilfe die Gegenwart zum Aufbruch zu Neuem und Besserem motiviert werden soll, sondern sie fingieren totale Schreckensbilder, die nun in erster Linie der Warnung dienen“  Thomas Schölderle, Katalog). Aber um Warnung zu sein, fasziniert das farbenfrohe Schauspiel trotz seiner Monstrosität viel zu sehr.

Ja, die Ausstellung tut sich mit ihrem schönen Titel nicht ganz leicht. Utopien seien mentale Projektionsflächen, „die die Sehnsüchte nach dem Besseren oder Idealen bündeln, und dabei stets eine gegenwartskritische Intention bezeugen“ (Ders.a.a.O.) Aber, mal fragt man sich, wie bei Yutaka Sones marmornem „Light in between Trees“ (s.u.), wo hier das Bessere oder Ideale ansichtig wird, mal fällt es schwer, eine gegenwartskritische Intention auszumachen, wie etwa bei Carlos Garaicoas architektonischen Faltarbeiten (s.u.), deren Anordnung an urbane Strukturen erinnert, die heute keiner mehr so verwirklicht sehen will. Daher fragt es sich, ob der Obertitel der Ausstellung die Wahrnehmung der gezeigten Arbeiten nicht eher einschränkt als fördert. Denn ihr ästhetischer Reiz ist unabhängig davon gegeben. Weil viele Utopien nur in Gestalt von modellhaften Entwürfen präsent sind und über die bildende Kunst hinaus auch exemplarische Ansätze aus den Bereichen Architektur, Theater und Design präsentiert werden, sei empfohlen, sich einer Führung anzuvertrauen, welche die Hintergründigkeiten der gezeigeten Gegenstände zu beleuchten vermag.

Zwei Neuerungen sind den Kuratoren Yilmaz Dziewior (Bregenz) und Angelika Nollert (Nürnberg) gelungen – dass es diesmal zwei Kuratoren sind, ist die dritte: Sie luden mit Felix Ensslin und Christian Jankowski zwei Lehrer der Stuttgarter Kunstakademie mit ihren Studierenden zu einem Beitrag ein. Und sie beauftragten ein Team aus einem Künstler, Manfred Pernice, und einem Architekten, Arno Brandlhuber, sich Gedanken zu machen über die Präsentation von Kleinplastik im Riesenraum der 1906 erbauten, 3000 qm großen Kelterhalle. Heraus kamen Podeste oder Inseln - eingedenk der berühmten Insel Utopia des Humanisten Thomas Morus. Ihre nach der einen Raumseite hin zunehmende Höhe egalisiert die optisch kaum wahrnehmbare, aber mit einem ganzen Meter doch ganz beträchtliche Neigung des Kelterbodens, ihre graphisch gestalteten Wangen spiegeln Strukturelemente des gewaltigen offenen Dachstuhls. Die vormals verbauten Fenster sind jetzt geöffnet, auf dass viel Licht das Zuzeigende erhelle.

Das Vorher-Nachher der Ausstellungsarchitektur wird im Katalog eigens dokumentiert und gewürdigt. Ihm ist auch der schon zitierte Aufsatz des Münchner Politikwissenschaftlers Thomas Schölderle beigegeben. Dass dieser aus der ganzen reichen jüdisch-christlichen Tradition lediglich einen Thomas Müntzer, „Prediger und gewaltbereiter Missionar“ (ebd.), zu Wort kommen lässt und die Friedensvisionen eines Jesaja oder Jesus unterschlägt, will indessen nicht so recht einleuchten. Zumal ansonsten auf humane Utopien das Hohelied gesungen wird.

Den Ludwig-Gies-Preis für Kleinplastik, das steht bereits fest, erhält Nathan Coley für seine Arbeit „Camouflage Church“ (s.u.). Coley hat Architekturmodelle von Kirchen mit einem Streifenmuster bemalt, das im 1. Weltkrieg entwickelt worden war, um die Größe, Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung von Kriegsschiffen zu verschleiern. Im Katalogtext heißt es dazu: „Coleys Einsatz dieses Musters erinnert somit nicht nur an visuelle Effekte wie jene der Op Art; er verweist auch auf das zerstörerische Potential von Religion.“
Das gab und gibt es. Auch in der Kirche. Doch steht die Kirche heute dafür? Oder handelt es sich hier nun endlich um die besagte moderne Schreckensutopie, die nicht Wunschbild sondern Warnung sein will? Das wüssten wir dann schon gern ein wenig genauer! Wie gesagt: Der schöne Ausstellungstitel macht es einem nicht ganz leicht. Aber darum geht es ja auch gar nicht in Ausstellungen wie dieser.

Text und Bilder: Johannes Koch

 

Ausstellungssituation Alte Kelter mit "Plastic bags"

"Light in between Trees", Marmor

Bend City (Red)

Camouflage Church (green)

 

 

Unter vier Augen. Porträts sehen, lesen, hören

13. Juli bis 20. Oktober 2013

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

„Wie gerät eine so offensichtlich vernünftige Person, die schon fast als Furie der Nüchternheit auftritt, nur an eine so schräge Kreation! Selbst in den Augen derer, die, wie ich, eine Nonnenschule besucht haben und bis heute zur Aufheiterung gelegentlich in einem alten Buch mit Trachten blättern, also an allerhand bizarre Kopfbedeckungen gewöhnt sind, müsste diese, fast möchte man sagen, hypertrophe Trophäe den Vogel abschießen. Sie hockt, wenn nicht als Karikatur, dann als ausgeschlüpfte Seele auf dem Scheitel der Unbekannten …“
Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer hat sich für das Ausstellungs- und Buchprojekt „Unter vier Augen – Porträts sehen, lesen, hören“ dieses Bildnis eines unbekannten niederländischen Meisters von 1572 (s.o.) auserkoren.
Dieses und kein anderes. 

 

Zur Wahl standen rund 90 Porträts aus dem Fundus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. 50 Spitzenwerke aus 500 Jahren brachten nun renommierte Schriftsteller/-innen und Intellektuelle auf ganz neue und eigene Weise zum Sprechen. Der Besucher kann sich entscheiden, ob er sich die Bilder lieber als Lesender mit dem Katalogbuch in der Hand oder lieber als Hörender mit dem Audioguide am Ohr erschließt. Sie nehmen ihn mit auf einen abenteuerlichen Streifzug durch die niederländische, französische und deutsche Porträtmalerei von 1480 bis 1980. Dichtend, kommentierend, beschreibend oder fabulierend haben sich die Autoren den Bildern genähert. Sie waren gebeten, dies in möglichst freier Form zu tun.

 

Martin Walser wurde ein Selbstbildnis der Konstanzerin Marie Ellenrieder von 1818 offeriert. Er nahm an und schlüpfte selbst in die Rolle der Malerin, „die sich schön gemalt (hat), um zu verbergen, was sie mitgemacht hat“. Überschrift: „An alle, die mich anschauen“. Herta Müller widmet Georg Philipp Schmitts Bildnis eines Mädchens von 1838 – „Aha, auch keine ganz einfache Person!“ – eine ihrer Textcollagen (s.u.). Friederike Mayröcker begegnet sich mehr als in allen angebotenen Porträts in einem Macke aus der ständigen Sammlung. Auch das durfte sein. Einen sozialkritischen Dix, Die Schwangere von 1930, reklamiert Juli Zeh überzeugend für das Schicksal einer, die unter uns Heutigen lebt. Peter Sloterdijk interpretiert den sterbenden Seneca von Peter Paul Rubens (1614/15) als zur Weisheit Aufblickenden. Karl-Heinz Ott erhielt den Zuschlag für das – man höre und staune – am häufigsten gewünschte Bild: Martin Luther auf dem Totenbett, Cranach-Schule um 1600.

 

Neidvoll anerkennt die Kuratorin Kirsten Voigt, wie sehr es sich gelohnt hat, die eigene Deutungshoheit für ein solches Projekt einmal abzutreten: „Es gibt Bilder, über die wussten wir bisher fast nichts – wie z. B. das von Brigitte Kronauer beschriebene – und jetzt wissen wir alles.“

 

Das fast 400 Seiten starke und trotzdem handliche Katalogbuch kostet subventionierte 29,90 Euro und gilt als Eintrittskarte für den ersten Ausstellungsbesuch. Der Audioguide mit sämtlichen Beiträgen (acht vergnügliche Hörstunden!) ist im regulären Eintrittspreis von 8 Euro inbegriffen.

 

Eine Ausstellung, die man mit eigenen Augen gesehen,
gelesen und gehört haben muss. Kein Weg ist zu weit!

 

 

Text und Bilder: Johannes Koch

 

 

 

Zeitgenössische Glasmalerei in Deutschland ...

Sonderausstellung GLANZLICHTER.
Meisterwerke zeitgenössischer Glasmalerei
im Naumburger Dom

 

Die zeitgenössische Glasmalerei hat in letzter Zeit in der internationalen Kunstszene eine nie dagewesene Aufmerksamkeit gefunden. International anerkannte Gegenwartskünstler wie Gerhard Richter, Neo Rauch, Markus Lüpertz, Xenia Hausner, Max Uhlig sowie Sigmar Polke haben wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen. Sie interessierten sich für diese architektur- und öffentlichkeitsbezogene Kunstgattung und schufen Aufsehen erregende, für sakrale Räume konzipierte Arbeiten.

Die Ausstellung im Naumburger Dom und an verschiedenen Korrespondenzorten präsentiert stilistisch auffallende und gegensätzliche Positionen gegenwärtiger Glasmalerei anhand ihrer besten zeitgenössischen Vertreter.Zum ersten Mal treten dabei die Arbeiten der prominenten „Novizen“ der Glasmalerei in visuelle Konkurrenz zu den Spezialisten der Gattung, welche die deutsche Glasmalergeneration in glanzvoller Weise repräsentieren.

Aus der Stuttgarter Kunstakademie kommen die beiden Schaffrath-Schüler Thierry Boissel (www.boissel.de) und Bernhard Huber, die hier mit großformatigen Werken vertreten sind sowie Angelika Weingardt mit ihrer bemerkenswerten Arbeit für die Regiswindiskirche in Lauffen (www.angelikaweingardt.com).

1. Juni bis 2. November 2014

 

 

 

 

Zwei großformatige Scheiben von Bernhard Huber

Gesichter der Renaissance. Meisterwerke der italienischen Portrait-Kunst.

Berlin, Bode-Museum, bis 20. November 2011,

anschließend vom 19.12.2011 bis 18.3.2012
im Metropolitan Museum New York

Stolz präsentieren die adeligen Besitzer die Perle ihrer Sammlung: Leonardo da Vinci, Dame mit dem Hermelin, 1489/90, Öl und Tempora auf Holz, 54,7x40,5 cm. Foto: Koch

Wenn die Südwest-Presse im November für 795.- Euro „Die ultimative Ausstellung für alle Freunde der Renaissancemalerei“ anfliegt, ist der Star der Ausstellung schon weitergeflogen nach London: Leonardos zauberhafte „Dame mit dem Hermelin“ aus dem Krakauer Czartorsky Museum. Sie gastiert nur bis 31. Oktober und ist, zwar spezialgesichert und persönlich über-

wacht, anders als an ihrem Stammsitz aus nächster Nähe betrachtbar.

Die Macher der auch ausstellungstechnisch einmalig schönen und gelungenen Präsentation haben dafür gesorgt, dass der sonst übliche Sicherheitsabstand zu den Exponaten durchgängig entfallen und damit eine ungewohnt intime Begegnung statt-

finden kann. Dieser dient auch die Limitierung der Besucherzahl in den Ausstelllungsräumen. Man kann sich eine Karte kaufen (14.- Euro, Tipp: Im Internet vorbestellen!) und ins Cafe sitzen oder Bummeln gehen. Per SMS wird man dann über die definitive Einlasszeit benachrichtigt. Alternativ darf die Wartezeit auch mit der Besichtigung der Sammlung des Bode-Museums (Riemen-

schneider!) überbrückt werden.

Die Einladung zur ultimativen Ausstellung „für alle Freunde der Renaissancemalerei“ unterschlägt indessen das Spannendste

am Ausstellungskonzept der zurecht hoch gelobten Schau: Tafelmalerei und Handzeichnung, Skulptur und Medaillen-Kunst werden in Zusammenschau präsentiert: Neben Botticellis „Simonetta“, Tempera auf Pappelholz, liegt, um nur ein Beispiel zu nennen, in einer kleinen Vitrine ein zeitgenössischer florentiner Abguss des antiken sog. Siegels Neros. Dieses nämlich erscheint auf der Kamee am Halse der Schönen, und diese wiederum inspirierte den Meister, das ganze Portrait nach Kamee-Art in hellen Farben von einem schwarzen Grund abzuheben. Die Ausstellung führt die beiden berühmten Profilbilder „einer Dame“ der Gebrüder Polaiuolo aus Mailand und New York mit dem Berliner Exemplar zusammen, eine fragile Terracotta-Büste von Andrea del Verocchio („Piero de' Medici) ist aus Washington angereist. Es wird schon so sein, dass es eine solche umfassende Zusammenschau der Anfänge des autonomen Portraits, in dem der Mensch um seiner selbst willen interessant zu werden beginnt, zu unseren Lebzeiten nirgendwo mehr zu sehen geben wird. Katalog: 29.- Euro.

Mein Reise-Tipp: Die Ausstellung per Internet selber buchen und die für Bahnfahrt und drei 4-Sterne-Übernachtungen bei ca. 220.- Euro liegenden Sonderangebote von „Ameropa“ nutzen. Die liegen in jedem Reisezentrum aus.

 

Johannes Koch

Sandro Botticelli, Portrait einer Dame (Simonetta Vespucci), um 1475-1480, Tempera auf Holz, 81,8x54 cm. Foto: Koch

Palazzo Grassi und Palazzo Cavalli Franchetti Venezia

Wer in Venedig weilt (und sich nicht über die wenig erhellende Biennale-Kunst „ILLUMInazioni“ ärgern möchte), sollte die in diesen beiden Palazzi gezeigte Gegenwartskunst nicht versäumen. Beide liegen am Ostufer des Canal Grande, etwa auf Höhe der Holzbrücke, die zur Accademia di Venezia hinüberführt.

Den Palazzo Grassi hat der Fiat-Chef Pinault vor sechs Jahren von Tadao Ando zum Museum umbauen lassen, um aktuelle Neuerwerbungen seiner riesigen höchst qualitätvollen Sammlung zu präsentieren. Jedes Jahr gibt’s eine neue Schau – immer sehenswert. Neuerdings berechtigt die Eintrittskarte auch zum Besuch der Punta della Dogana am Südzipfel der Weststadt schräg gegenüber des Dogenpalastes: Ehemalige Lagerhallen, die ebenfalls von Ando umgebaut wurden und die ohnehin große Ausstellungsfläche noch beträchtlich erweitern.

Der Palazzo Cavalli Franchetti Venezia beherbergt die Ausstellung GLASSTRESS, in der in häufigem Wechsel aktuelle Glaskunst gezeigt wird, die weit über das Murano-Kunsthandwerk hinausgeht. Zur Zeit gehören zu den dort Ausgestellten u.a.Thomas Schütte, Erwin Wurm, Jan Fabre, Zaha Hadid und Kiki Smith.

 

Johannes Koch

Palazzo Grassi und Palazzo Cavalli Franchetti Venezia, Ausstellungssituationen

Neo Rauch in Baden-Baden

Neo Rauch - Werner Spies - Frieder Burda

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Leipziger Neo Rauch (*1960) ist ein Phantast, ein Verunsicherer – und einer der interessantesten Malern der Gegenwart. Für den Naumburger Dom schuf er einen Zyklus von Elisabeth-Fenstern, für die ihn die Stiftung für Bibel und Kultur vergangenes Jahr mit ihrem Stiftungspreis auszeichnete.

 

Im Baden-Badener Museum Burda ist dem 51-Jährigen jetzt die Sommerausstellung gewidmet, die mit rund 40 meist großformatigen Bildern 20 Jahre seines Schaffens umreißt. Mit einer schwarzen Skulptur aus Bronze zeigt sich der Maler aber auch als Bildhauer.  Das ist neu bei ihm. Rauchs „Nachhut“ (2011), halb Tier, halb Mensch scheint aus den Bildern heraus gefallen zu sein. Das Wesen trägt zwei offene Ölkanister. Woher? Wohin?

 

„Wir sollten eher das Bild uns befragen lassen als das Bild befragen“, meint Kurator Werner Spieß dazu. Er stellt ein verblüffendes Freispiel von Themen und eine beunruhigende Mischung aus Körpern und Accessoires fest, die zur Siedehitze gebracht würden. Hier ein Gürteltier, das sich unter einen Teppich wühlt, dort ein Schlafender, dessen Panzer auf dem Nachttisch Pestbeulen bekommen hat. Neben aus Vasen wachsendem Gedärm und ausgeschüttetem Gewürm wirken die agierenden Menschen irgendwie abwesend. Mann schaut ins Leere, Frauen schließen die Augen. Aber was sie so schlafwandlerisch tun, scheint jedes Mal verborgene Katastrophen zu nähren.

 

„Ich bereite kein Traumgeschehen nach“, sagt Rauch. Das könne auf Sonntagsmalerrealismus hinaus laufen, meint er. Seine Bilder entstünden beim Malen. „Ich gebe den Bildern im Zuge der Bildwerdung eine lange Leine, um sie dann wieder zu bändigen“.

 

Die Malerei sei eine Herrscherin, „der ich dienen muss“. Wenn man sie sich nutzbar machen wolle, vertrockne sie einem unter dem Pinsel - und man selber gleich mit ihr. Die Bilder, die sie generiert, haben für Rauch dieselbe kreatürliche Selbstverständlichkeit wie ein Baum oder Berg. Sie müssen sich weder durch Bedeutung legitimieren noch durch die Einflüsterung „Du-musst-dein-Leben-ändern!“ Ihnen genügt es, Irritationsbilder zu sein, die Fragen stellen. Fragen zu stellen, so Rauch, sei schließlich das Wesen von Kunst.

 

Wer sich allerdings die Mühe macht, ein wenig in diese Welt einzudringen, entdeckt hinter der phantastischen Verschlüsselung einiges an Aktualität: Vulkanausbrüche, hysterische Koppelungen von Ding und Gesellschaft, eine korrodierende Welt, über die eine schwefelige Dämmerung hereinbricht oder Kinder, die von fanatischen Feiglingen mit einem Sprengstoffgürtel um den Leib auf Jagd geschickt werden. „Es gibt einen Magnetismus, der mich durch die Bilder zieht“, sagt der Maler. Dem Betrachter geht es nicht anders.

 

Johannes Koch

 

Bis 18. September

www.museum-frieder-burda.de

Christoph Frick: "seltsam - vertraut"

 

Christoph Frick, der „Spurensucher und Spurensicherer“, der „Geschichtenerzähler“, der „passionierte Sammler“, der „Sammler-Künstler“ – viel ist über Christoph Frick und seinen künstlerischen Ansatz geschrieben worden. Er ist zu aller erst Künstler! Aber – und da sind diese Prädikate durchaus kennzeichnend – zu seiner Kunst gehört von allem Anfang an das Eine: Dinge werden aufgegriffen, eingesammelt, mitgenommen oder auch bewusst zusammengesucht. Dinge werden aufbewahrt und aufgehoben, und das durchaus in einem doppelten Sinn, denn aus diesen Dingen entstehen Bilder, aufgedeckte Spuren, mit Bildern erzählte Geschichten.

 

 

Das künstlerische Ausgangsmaterial ist meist Alltägliches, das uns umgibt, Unspektakuläres, dem wir kaum für künstlerische Zwecke dienlich scheint: Die Geldbeutel, welche die Vernissage-Besucher aus der Tasche ziehen,  typische Abbildungen aus Modemagazinen, Spielzeug- und Nippesfiguren, Katalogfotos von Ferienwohnungen mit hauseigenem Schwimmbad oder Fassaden von ursprünglich baugleichen Einfamilienhäusern in einer Wohnsiedlung (wie Christoph Frick sie in einer früheren Installation einmal vorgestellt hat). Doch dann – gesammelt, in eine Reihe gestellt, in Vergleich gebracht, zu Bildern gemacht oder in Bilder eingebracht – zeigt sich „Gleichmaß – und Differenz“. Dem Zwischenraum nachzuspüren zwischen den nur scheinbar gleichen oder ähnlichen Dingen, das ist ein wesentlicher Ansatz von Christoph Fricks künstlerischer Methode. Wo dabei zugleich die Grenze zwischen Privat und Öffentlich ausgelotet wird (individuell ‚gefüllte’ Geldbeutel, individuell veränderte Fassaden), betreibt der Künstler künstlerische Sozialrecherche.

 

 

Wichtiges Medium der Annäherung ist die Fotografie. Meist sind es aufgefundene Fotografien, die weiterverarbeitet und neu zusammengesetzt werden, gelegentlich auch selbstgemachte wie bei „Geigerles Lotterbett“. Bewegte Bilder, Videosequenzen ermöglichen Verfremdung und erlauben Inszenierungen. In ihrer vordergründigen Uniformität und Klischeehaftigkeit nebeneinander gestellt, erscheint dann das durchaus Individuelle, Differenzierte, Komplexe, Unergründliche in und hinter den Dingen. In diesem künstlerisch initiierten Dialog mit den Dingen erschließt sich das offensichtlich längst Bekannte noch einmal neu und gewinnt eine andere Sprache.

 

 

„Vertraut“ scheint das, womit der Künstler beginnt – „seltsam“ wirkt das, was am Ende herauskommt: „seltsam vertraut“. Das, was wir scheinbar kennen, geht auf Distanz, kehrt sich merkwürdig ins Seltsame und wirft Fragen auf. In der seriellen Präsentation erlangen die Gegenstände eine ganz eigene ästhetische Wirkung, und so ist diese gestaltete Präsentation selbst von hoher Faszination: Große Fototafeln lösen sich beim Hinsehen in ihrer Einheitlichkeit auf, fragmentieren sich, öffnen andere Ebenen und Dimensionen und setzten sich mit eingefügten Details von Anderswoher wieder neu zusammen. Ludwig Seyfahrt beschreibt im Katalog das Taktile dieser analogen Fotoabzüge und zusammengesetzten Tableaus. In der haptischen Qualität dieser Installationen bleibt etwas spürbar von der skulpturalen Sensibilität des Künstlers, vielleicht sogar von seiner ursprünglichen Ausbildung in der Bildhauerklasse bei Jürgen Brodwolf. 

 

 

Immer wieder begegnen wir auch befremdlich anmutenden Überbleibseln aus einer entrückten Vergangenheit, mithin dem, was Christoph Frick als „Archäologie“ bezeichnet. Neben Ansätzen bei alten vorgefundenen Fotos (Negative von einem „alten Hut“ etwa) gibt es auch sehr eigene biographische Bezüge: „Geigerles Lotterbett“ beispielsweise inszeniert ein Erlebnis aus der Kindheit neu: Zwei wie zu einem Zeltdach aneinandergelehnte Felsplatten in einem Waldstück, um die sich die Legende von einem fahrenden Spielmann rankt, der da genächtigt haben soll, erinnern an Spaziergänge mit dem Großvater zu diesem heute noch seltsam vertrauten Ort. Eine andere Arbeit knüpft an die über Jahre hinweg akribisch geführten Auflistungen eintöniger Alltagsaktivitäten einer Tante an. Im württembergischen Kunstverein in Stuttgart gab es vor einiger Zeit eine eindrückliche Performance, in der Christoph Frick nach und nach den ererbten Koffer eines Vorfahren auspackte: exotische Gegenstände, die dieser Vorfahr von seiner Tätigkeit als Missionar mitgebracht hatte, um durch sie die fernen wilden Lebenswelten Afrikas einem staunenden Publikum erlebbar werden zu lassen.

 

Seltsames dringt ein in unsere vertrauten Wirklichkeiten und wirft Fragen auf, die sich wieder an uns zurückwenden. Fragen, nach dem eigenen Umgang mit den seltsamen und vertrauten Dingen, die uns umgeben. Dabei erscheinen die vom Künstler aufgegriffenen alten Dinge nie nur als künstlerisch vernutzte Objekte. Sie behalten bei aller Befragung immer etwas von ihrem individuellen Wert und ihrer Würde, sie erfahren Behutsamkeit und Bewahrung. Die Dinge sind bei Christoph Frick, dem „Sammlerkünstler“ in guten Händen. Aber auch wir als Betrachterinnen und Betrachter sind es  –  in einem herausgeforderten Sinn!

 

Reinhard Lambert Auer/ Johannes Koch

 

 

Bis 31. Januar 2010 in der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Katalog zur Ausstellung (Jahresgabe für Mitglieder des Vereins): "Gleichmaß und Differenz". Zu beziehen über die Geschäftsstelle des Vereins.

 

 

 

 

 

 

DURCHAUS EXEMPLARISCH

Bis 29. November 2009 ist die Ausstellung des baden-württembergi-

schen Künstlerbundes DURCHAUS EXEMPLARISCH
in der Esslinger Villa Merkel zu sehen.

Acht GaleristInnen und KunsthallenleiterInnen aus Baden-Württemberg präsentieren als Kunst-

vermittlerInnen in ihnen zugelosten Räumen 62 ausgewählte künstleri-

sche Positionen. Mit Martina Geist, Gabriela Oberkofler, Werner Pokorny, Peter Riek, Stefan Rohrer und Saskia Schultz gehören zu den Ausgestellten etliche KünstlerInnen, die schon für die STIFTUNG KIRCHE UND KUNST tätig waren. Der umfangreiche Katalog dokumentiert auch rund 250 Arbeiten von KünstlerInnen, die in der Mitglieder-

ausstellung nicht zu sehen sind.

Eintritt: 1,50 Euro. Öffnungszeiten: www.villa-merkel.de

 

Abbildung: Martina Geist, Kanne und Löffel III, 2008, Holz, Ölfarbe, 80 x 55 cm

SO SORRY - Ai Weiwei in München

 

SO SORRY heißt

die eindrucksvolle Ausstellung, die der chinesische Künstler

und Menschenrechtler

Ai Weiwei im Münche-

ner Haus der Kunst eröffnete. Sie setzt

u.a. mit 9000 (Schul-)

Rucksäcken den tot-

geschwiegenen Kindern ein Denkmal, die beim Erdbeben in Sichuan unter unverantwortlich instabil errichteten staatlichen Schulgebäu-

den begraben worden sind. Der Künstler meint: Politik und Wirtschaft krankten weltweit daran, dass, wo eigentlich Verantwortung über-

nommen werden müsste, immer häufiger nur noch Achselzucken wahrnehmbar sei:

SO SORRY.

Im Zentrum der Schau steht ein Environment, bestehend aus 100 gewaltigen uralten Baumwurzeln, zusammengetragen aus den unterschiedlichen Provinzen Chinas. Ihr ästhetischer Reiz liegt im Gegensatz zwischen einem massig wirkenden Stamm-

ansatz und filigran erscheinenden Wurzelverästelungen.
Diese wiederum verweisen auf Selbstbehauptung auf steinigem Boden, so dass die Wurzeln auch als Chiffre für die politische Existenz des Künstlers gelten könnten. Sie stehen auf einem "Softground", einem riesigen in China geknüpften Wollteppich, der in Farbe und Musterung exakt den darunterliegenden Bodenplatten des Ausstellungsraumes nachempfunden ist.

So besetzen sie den Grund, auf dem einst ein Adolf Hitler eine Ausstellung sogenannter "entarterter Kunst" eröffnete, neu, ohne jedoch diesen Boden unmittelbar zu berühren.

Dieselbe Installation kann aber auch auf dem Hintergrund an-
derer Fragestellungen gesehen werden, die Ai Weiweis Werk durchziehen, wie die nach dem Verhältnis des heutigen China zu seiner eigenen Kultur und Geschichte. In diesen Zusammenhang gehören dann auch die Holzskulpturen, die alte chinesische Tempelhölzer und Tische zu neuen Formen zusammenfügen,

die ebenfalls mit dem Gegensatz von - in diesem Fall kunst-

handwerklicher - Filigranität und Massivität spielen. Eine Skulptur aus Hockern erinnert an Marcel Duchamp und seine Ready-mades. Duchamp, bekennt der Künstler denn auch, sei sein größtes künstlerisches Vorbild. Spätestens hier wird deut-

lich, dass Ai Weiweis Blick auf sein Geburts- und Heimatland nicht nur der eines internen chinesischen Regimekritikers ist, sondern auch der eines von westlichen Perspektiven beein-

flussten Weltbürgers. Viele Jahre hat er bei seinem Vater in

New York gelebt. Alten Urnen und Vasen aus der Han-Dynastie verpasst Ai Weiwei eine pop-artige neue Farbigkeit, welche die zeitose Schönheit ihrer Formen neu hervortreten lässt. Eine Schale überdimensionaler Süßwasserperlen und ein Haufen übergroßer Sonnenblumenkerne entpuppen sich als landes-

typische "Fakes". Beide sind ebenso wie ein Drachen und eine Wasserwelle, die einem chinesischen Holzschnitt entsprungen scheint, nach altchinesischer Tradition in filigraner Handarbeit aus Porzellan gefertigt: SO SORRY. 

Außerdem kommt es in der Ausstellung zu einem Wiedersehen

mit bekannten und unbekannten "Dokumenta-Teilnehmern":

Im Vorraum ist die in Kassel durch Naturgewalt eingestürzte Skulptur "Fairytale" - aus Holzteilen chinesischer Abbruchhäuser errichtet - in der zerstörten Kasseler Fassung wieder aufgebaut, von den Wänden des Ausstellungsraumes grüßen die damals von Ai Weiwei zur Dokumenta eingeladenen (und vor Ort fotografisch porträtierten) 1001 Chinesen, im Nebenraum erinnert eine Installation an ihr vom Künstler entworfenes Kasseler Feld-

bettenquartier, das Bauhausideen fürs Zeltstädtische fruchtbar zu machen versucht.

Leicht zu übersehen ist eine feinsinnige, subersive Intervention auf der Gebäuderückseite. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Herzog / de Meuron, aus der auch schon das "Vogelnest"-Stadion in Beijing hervorging. Bambusstäbe, die an beiden Enden von traditionellen chinesischen Porzellan-

Vasen "gefasst" sind, spannen sich wie Turnstangen zwischen die gigantischen Säulen der Fassade. Durch Leichtigkeit und poetische Anmut entkleiden sie die Nazi-Architektur mit ihrer auch für andere Diktaturen kennzeichnenden "Du-bist-nichts-dein-Volk-ist-alles"-Ideologie ihrer marzialischen Gewalt:
SO SORRY. 

"Kunst ist Leben und Leben ist Kunst", behauptet der Künstler, der über Duchamp hinausgehend sich selbst als Ready-made versteht und präsentiert. Es wäre schade, wenn von Ai Weiweis Münchenbesuch nur die Kopfwunde im öffentliche Bewusstsein bliebe, die von der Operation einer Gehirnblutung herrührt, die ihm prügelnde chinesische Sicherheitskräfte im August in Sichuan beigebracht hatten.

 

Bis 17. Januar 2010.  www.hausderkunst.de

 

                                             Text + Fotos: Johannes Koch